|
» Vancouver Island & Vancouver
Extremisten
|
Extremisten Eine Tasse Chai gefaelligst? 19.01. - 08.02.2004 In den westlichen Medien wird Pakistan derzeit fast ausnahmslos negativ dargestellt. Man bekommt leicht das Gefuehl, dass alle der 150 Millionen Pakistanis Terroristen, religioese Extremisten, Selbstmordattentaeter oder sonstige Raeuberhotzenplotz' sind. Doch waehrend unseres dreiwoechigen Aufenthaltes treffen wir auf alles andere und wir finden es eine Schan- de, wie die unsrigen Medien ein verstelltes, einseitiges Bild projezieren. Oder sind seit kurzem alle Deutschen Kannibalen und man muss bei einer Deutschlandreise damit rechnen, im Suppentopf zu landen?!? Es stimmt aber, dass gewisse Stammesgebiete Pakistans definitiv tabu sind. In diese gesetzeslosen Gegenden reisen selbst die Pakistanis nicht. Viele Bewohner des Landes sind sich ihres schlechten Rufes im Ausland bewusst und wollen dies aendern... Ein Umstand, den wir aeusserst positiv zu spueren bekommen. Die Einhei- mischen sind generell ruhigen Blutes und unkompliziert. Bereits an der Grenze wird uns dies bewusst: Am Holztischchen an der Sonne werden unsere Namen registriert und drin sind wir - keine Formulare, keine grossen Fragen und keine wie ueberall angekuendigte Durchsuchung des Gepaecks. Weitere Beispiele sind, dass wir ausserhalb der offiziellen Schalterzeiten fuer das Geldwechseln zu Rupien kommen, in einer Baeckerei auf Wunsch nur die eine Haelfte des eingepackten Brotes erhalten oder dass ein Komma-irgendetwas Gesamtbetrag grund- saetz lich auf die naechste Rupie abgerundet wird. Auf Grund der arabischen Schrift sind wir waehrend dem Herumreisen fast zu 100 % von der Hilfe der lokalen Bevoelkerung abhaengig. Diese sind enorm hilfsbereit und wir werden immer an den richtigen Ort gefuehrt oder an den entsprechenden Bus verwiesen. Bei Auskunftsfragen erhalten wir gundsaetzlich nicht irgend- eine Antwort, sondern die Richtige! Auf Reisen erlebt man immer wieder 'was neues ;-) Die enorme Hilfsbereitschaft ist eine Seite, die grosse Gastfreundschaft die andere. Seit unserer Ankunft in Pakistan vergeht kein Tag an dem wir nicht zu einer Tasse Chai oder gar zu den Leuten nach Hause eingeladen werden. Manchmal ist's ein junger Mann der einfach seine Englischkenntnisse praktizieren moechte, manchmal jemand, der Verwandte in England oder sonstwo hat oder gar Ausland-Pakistanis, welche fuer einige Wochen oder Monate in die alte Heimat reisen, um die Familie und Bekannte zu besuchen. Unsere Gastgeber empfangen uns mit einer grossen Offenheit und Herzlichkeit und betrachten uns als ihre ehrenvollen Gaeste... Fuer unseren Chai duerfen wir nie bezahlen. Im Gespraech sind die Pakistanis offen und redefreudig, aber das Zuhoeren faellt ihnen oft schwierig... Sie hoeren lieber sich erzaeh- len, als dass sie andere Ansichten verstehen wollen. Religion wird immer wieder zum Thema und wir stellen fest, dass sie Westlern das Christentum zwar nicht uebel nehmen, sie selbst doch ganz klar anderer Ueberzeugung sind. Wir hoeren schon mal, dass wir falsch laegen - nicht nur wir, sondern auch die schiitischen Muslims im Iran, die sich in gewissen Belangen von den hiesigen Sunnis unterscheiden. Die wohlgemeinten Einladungen lassen uns einen Einblick in das taegliche Leben nehmen, aber machen das Reisen nicht immer einfach. Es ist uns un- moeglich jedes Mal zuzusagen, um Chai trinken zu gehen oder in einem Daheim vorbeizu- schauen ohne gleichzeitig die Leute enttaeuschen zu muessen. Wir sind uns oft nicht sicher, ob unser Gegenueber die Gruende einer Absage versteht. Einfacher ergeht es uns mit den Pakistanis, welche im Ausland leben und fuer einige Monate in ihre Heimat zurueckkehren. Nicht nur ist ihr Englisch sehr gut, auch kennen und verstehen sie unsere Mentalitaet und wissen, wann sie mit der Freundlichkeit fuer unseren Geschmack zu weit gehen wuerden. Ein Umstand mit welchem wir manchmal zu kaempfen haben. Gewisse Bekanntschaften sind sehr beharrlich und lassen bei einer Absage unsererseits kaum locker, versuchen uns immer wieder erneut zu ueberreden. Es kommt auch vor, dass wir abends im Hotel besucht werden. Eigen- tlich unser Zufluchtsort, um dem Rummel auf den Strassen, dem staendigen "Where are your from" oder "How are you?" fuer einige Zeit zu entgehen. Den Namen unseres Hotels behalten wir zwar jeweils fuer uns, doch wenn ein Dorf nur ein oder zwei Unterkuenfte hat, ist es nicht schwierig, uns ausfindig zu machen... Schwieriger aufzuspueren ist die gute Kueche Pakistans. Kleine Mahlzeiten fuer Zwischen- durch finden wir ueberall, doch Waehrschaftes im Sinne eines abwechslungsreichen Essens kaum. Die Gerichte sind durch viel, sehr viel Fleisch gepraegt. Nach dem vorwiegend vege- tarischen Asien sind uns die Fleischberge dann und wann fast zu viel. Die Regierung hat gar zwei sogenannte fleischlose Tage - Dienstag und Mittwoch - eingefuehrt, um den Konsum von Fleisch in Grenzen zu halten und den Mastbetrieben (und Tieren) eine Verschnaufspause zu goennen. Witzigerweise scheint Poulet nicht zur Kategorie Fleisch zu zaehlen... Wir fragen uns: Zu was dann?! Der Sache auf den Grund gehend erfahren wir, dass Huhn zwar Fleisch ist, aber weil die Huehnerindustrie so gross ist, muss waehrend dieser beiden Tage nicht auf ein Guegeli, den Pouletfluegel oder das Huehnerfuesschen verzichtet werden. Pakistans eh schon magerer Tourismus wird nicht von archaeologischen Sehenswuerdigkeiten oder eindruecklichen Monumenten angezogen. Die meisten Touristen besuchen die Berge und machen um die historischen Staetten wie die Ruinen der Indus-Zivilisation von Moenjo Daro einen grossen Bogen, obwohl dieser dieselbe Wichtigkeit wie derjenigen der Aegyter oder Mesopotamien zugeagt wird. In unsern Augen zurecht, denn fuer nicht-Archaeologen bestehen die schlecht praesentierten Staetten meist aus einem Haufen gebrannter Ziegel... Von Indien herkommend kann man leicht enttaeuscht sein. Obwohl rund 35 % der Bevoelkerung unter der Armutsgrenze lebt, die Doerfer meist nur aus simplen, zweistoeckigen Ziegelbauten bestehen, sind die Pakistanis einfach unschlagbar. Sei es der Milchverkaeufer, der Mann am Bahnhof oder die jungen Studentinnen, welche sich auf einen Schwatz mit uns einlassen - Extremisten, ja, aber bezueglich Gastfreundschaft! |