Rajasthan

Die Wueste lebt

01.01. - 18.01.2004

Die Altjahreswoche haben wir in New Delhi mit dem Organisieren von neuen Visas und ver- schleierten Passfotos sowie dem Trinken von feinen Cafe Lattes verbracht. Nachdem die Visumsausstellung fuer Pakistan dieses Mal eine - vom lange in der Kaelte Schlange stehen mal abgesehen - kurze Sache war, dauert es bei den Iranern volle 10 Tage, bis ein Entscheid gefaellt wird.Mit fast allem im Sack bleibt uns also Zeit Rajasthan, das Land der Koenige, zu besuchen. Noch die letzten Jahre vor Indiens Unabhaengigkeit von den Britten war die Region in viele kleine Koenigreiche unterteilt und von unabhaengigen Maharajas regiert worden. Heute ist der Wuestenstaat voll integriert und die Aufgaben der ehemaligen Herrscher sind meist nur noch Zierde. Fuer das Bearbeiten eines Visumantrages sind 10 Tage lang, fuer den Besuch Rajasthans ist es eine kurze Zeit. Wir haben unsere Tage straff geplant und wollen keine wertvollen Stunden auf der Strecke liegen lassen. Auch nicht, als uns mitgeteilt wird, dass unser Nachtzug 6 Stun- den Verspaetung hat und anstelle am fruehen Morgen erst am Mittag am Zielort eintreffen wird. Kurzerhand pruefen wir alternative Verbindungen und annullieren das Billett mehr oder weniger ins Blaue hinaus. Uns bleibt nur eine knappe Stunde Zeit durch halb Delhi zu fahren und den anderen Bahnhof zu erreichen. Doch wie koennte es anders sein als es kommt? Indien quellt ueber vor Rikschas. Dauernd fahren sie einem vor die Nase, doch wenn man wirklich mal ein solches Ungetuem braucht, ist keines zu finden! Dafuer faehrt uns ein Bus vor die Fuesse und erst noch einer, der zum gewuenschten Zielort unterwegs ist. Wir verstehen die Welt nicht mehr. Die Zeit in der Hand zerrinnend, verfolgen wir die Fahrt mit dem Finger auf der Stadtkarte und hoffen bei der Ankunft am Bahnhof Old Delhi, noch ein Schlafwagenbillett ergattern zu koennen. Wir koennen und so reisen wir puenktlich Richtung Westen... Auf nach Rajasthan. Nicht nur in den aufwendigen Fotobaenden der Buchlaeden, sondern auch in Natura praesen- tiert sich Rajasthan extrem farbig. Die Buntheit der Turbane, der Gewaender der Frauen bis zu den Hoernern der Kuehe stehen in starkem Kontrast zum Braun der meist trockenen Land- schaft. Die Farbpalette greift gar auf einzelne Staedte ueber. Jodhpur gilt als die Blaue Stadt. Sie liegt entlang des oestlichen Auslaeufers der Grossen Thar Wueste und verdankt den Namen nicht nur dem blauen Himmel. Auf den Mauern der Festung stehend, begreifen wir schell warum. Fast alle Haeuser sind - durch die Sonne lila-blau scheinend - in der Stadtfarbe getuencht. In alten Zeiten war die blaue Farbe den Familien der Brahmanen, die Kaste der Priester und Gelehrten, vorenthalten, heute duerfen alle die mueckenabschreckende Couleur fuer die Fassaden benutzen. Das mit den Muecken wird zumindest behauptet... wie ebenfalls offiziell behauptet wird, dass das Kastendenken nicht mehr vorhanden ist. Das frueher extrem stark gelebte Sozialsystem Indiens nimmt zwar mehr und mehr fliessende Formen an, doch noch immer wird zwischen Brahmanen, den Kshatriyas oder Adel und Vashiyas, auch Buer- gertum gennant, unterschieden. Die Gruppe der Shudras zaehlt die einfachen Arbeiter, Diener und Sklaven zu sich und alle Unberuehrbaren finden im sozialen Netz gar keine Erwaehnung, weil sie sprichwoertlich fuer den letzten Dreck gehalten werden. Mit wenigen Worten ist das komplexe Schichtendenken schnell erklaert, aber in der Realitaet von uns wohl nie verstanden und nur sehr schwierig erkennbar. Aber wo sind wir stehengeblieben? Auf den Mauern der Meherangarh Festung. Richtig. Wir trauen unseren Augen kaum als wir zur Kasse schreiten. Das erste Mal bietet man den Besuchern neben dem Monument etwas zusaetzliches. Eine Broschuere und gar eine Audiotour sind im Preis inbegriffen. Beides super gemacht und vorallem interessant. Mit unserem Knopf in den Ohren finden wir den Weg durch die 1459 erbaute, ueber die Jahrhunderte hinweg erweiterte Festung und lauschen den Geschichten. Die Wueste rueckt naeher und die Betten im Zug werden staubiger. Eine millimeterdicke Schicht liegt obenauf... huh, huh. Bevor wir die Nachtfahrt liegend in Angriff nehmen, heisst es zum Lappen greifen und Hand anlegen. Jeder Stadt seine Farbe. Jaisalmer nennt honiggolden die ihre. Die Farbe der Wueste. Seit 850 Jahren trotzt die hiesige Festung allen Angriffen und fuer lange Zeit lag sie strategisch wichtig entlang der Kamelrouten in den Nahen Osten. Mit dem in Aufschwung kommenden Schiffsverkehr von Mumbai aus verlor die Stadt mehr und mehr an Bedeutung, welche sie waehrend des Krieges zwischen Indien und Pakistan in den 1970er Jahren tragischerweise wieder zurueckgewann. Heute ist Jaisalmer klein, fast verschlafen. Wir behalten den Ueber- blick und geniessen den Anblick von allen Seiten. Neben dem alten Stadtkern faszinieren uns die romantischen Havelis. Dies sind alte, extrem aufwaendig und detailreich verzierte Haeuser reicher Handelsleute aus den Zeiten der Karawanen. Das Staedtle ist ein Grund fuer sich hier hinaus zu fahren, doch wie fast alle, kommen auch wir, um auf Kamelsafari zu gehen... Uns geht es nicht nur darum einmal auf einem Kamel zu sitzen, sondern auch darum etwas Gutes fuer uns zu tun. Was wollen wir also? Viel Ruhe, eine weite Landschaft, keine - zumindest nicht viele und schon gar keine indischen - Touristen und abends bestimmt kein kaltes Bier, mit welchem ein Lokaler zwischen den Sandduenen hervorzuspringen kommt. So entscheiden wir uns fuer die kostspieligere Variante und fahren in eine knapp 60 Kilometer entfernte Region, weitab aller anderen Tourenanbieter. Unser An- bieter ist nachwievor der einzige, der die Genehmigung der hiesigen Dorfbewohner hat sie zu besuchen. Beim Treffpunkt eintrudelnd treffen wir erneut auf Birgit und Bernd aus Wien. Wir haben die beiden auf der staubigen Zugfahrt hierhin kennengelernt und freuen uns mit ihnen zwei unserer drei Tage auf dem Buckel der Trampeltiere zu verbringen. Von Anfang an fuehlen wir uns wohl und geniessen den Ritt mit unseren Wuestenschiffen. Das "Steuern" faellt leicht, die Tiere sind wohl erzogen und nehmen es - ganz in unserem Sinn - gemuetlich. Doch nach einigen Stunden sind wir froh, die improvisierten Steigbuegel zu entdecken und die Beine etwas entlasten zu koennen. Dem werten Hinterteil goennen wir jeweils abends bei heissem Chai, feinem Gemueseeintopf und Chapatis eine Pause. Der Sonnenuntergang verzaubert die Landschaft und uns, obwohl wir uns die mit Bueschen und kleinen Baeumen durchzogene Wuestenlandschaft karger, sandiger vorgestellt haben. Der erholsame Ausritt dauert nicht ewig und die naechste Stadt hat uns schon bald wieder. Das Ende des 16. Jahrhunderts gegruendete Udaipur verdankt seine Popularitaet dem Pichola See und dessen Palast auf der Insel Jagniwas. Fuer damalige Zeiten vor Extravaganz strozend, fehlt dem Bau heute der Zauber a la James Bond's Octopussy... Die Insel bleibt gut betuchten Gaesten vorenthalten, den Stadtpalast finden wir solala sowie in eher desolatem Zustand und auch sonst gefaellt es uns hier nicht sonderlich. Genug Gruende um ins kleine Bundi zu reisen. Ein Provinznest mit sageundschreibe 100'000 Einwohnern - Provinz a la Indien. Und, was gibt es anderes zu besuchen, als einen Palast? Nicht viel. Dafuer gefaellt uns dieser umso mehr und die zum Teil sehr alten, zum Teil erst aus dem 19. Jahrhundert stammenden Raeume sind erst seit gut einem Jahr oeffentlich zu- gaenglich. Wohl am spannendsten sind die von chinesischen und arabischen Kuenstlern gepinselten Wandbilder, welche hinduistische Sagen erzaehlen. Da und dort winkt uns ein Drache entgegen, blinzelt uns ein schlitzaeugiger Inder an und die Reihenfolge der Gottheiten ist fuer einmal von rechts nach links anstelle von links nach rechts... Erholt von unserem Aufenthalt in Bundi, fahren wir in Agra ein. DEM Touri-Ort Indiens - DEM Taj Mahal sei Dank. Hier soll es von Schreier und Rikscha-Fahrern der schlimmsten Sorte nur so wimmeln und ein jeder werde uebers Ohr gehauen, lesen wir. Wir nehmen es gelassen und beim Verlassen des Bahnhofes warten wir seelenruhig auf die ersten Angebote. Do you need room? Which hotel? Where do you go? 10 Rupees! Hah, das ist unser Stich- wort und wir sagen prompt zu, steigen ein und lassen den etwas verdutzten Fahrer wissen, dass wir nur zum naechsten, fuenf Kilometer entfernten Bahnhof Cantt wollen. Dem Guten faellt erst einmal die Kinnlade runter, hat er doch gehofft, uns zu einem provisionzahlenden Hotel fahren zu koennen. Heute nicht, aber er haelt sein Wort und duest mit uns fuer guen- stige 10 Rupien an den gewuenschten Ort. Chapeau! Nachdem wir unsere Rucksaecke hin- terlegt haben, streunen wir im Morgennebel durch den noch verschlafenen Sadar Bazaar und nehmen fuer die Fahrt zur Attraktion des Landes das naechste aus freien Stuecken erfolgte 5-Rupees-Angebot zu gerne an :-) Den Rest des Tages verbringen wir mit Gucken. Der opu- lente, symmetrisch gebaute und reich verzierte Taj Mahal raubt uns gleich zweimal den Schnauf. Erst beim Kassenhaeuschen und dann beim Anblick des Mausoleums. Gesehen haette man den Taj nach einer Stunde, doch weil's so schoen ist und es Spass macht den anderen Besuchern zuzuschauen, bleiben wir noch etwas... Hat uns die indische Eisenbahn kaum je enttaeuscht und ist bezueglich Verspaetungen meist im Rahmen geblieben, stauenen wir nicht schlecht, als wir auf die Einfahrt des teuer- sten und eigentlich schnellsten Zug Indiens eine volle Stunden warten muessen. Eine Stunde klingt nicht nach viel, doch fuer eine zweistuendige Fahrt, die unterwegs nochmals eine volle Stunde Verspaetung auffaengt, ist's ganz schoen viel. So etwas. Immerhin, das Essen a la Flugzeug ist gut und wir geniessen gar ein Glace... New Delhi zum Dritten und Letzten - welch? ein Glueck. Die Metropole hat in unseren Augen an Sehenswuerdigkeiten kaum etwas zu bieten und ist einfach zu gross, zu weitlaeufig und zu verstopft. Wir rennen noch einige Male von Fotogeschaeft zu Fotogeschaeft, holen unser Iran-Visum ab und verabschieden uns langsam, aber sicher von Indien. Im grenznahen Am- ritsar lassen wir uns durch den Goldenen Tempel und den Gesang der Sikhs berauschen und nehmen dann den Weg nach Lahore in Pakistan unter die Fuesse.