Ruckzuck...

...Richtung Sueden

29.10. - 11.11.2003

Zwischen sandigen Huegeln und mit dem heiligen Sarovar See geschmueckt ist Pushkar eine zauberhafte Oase Rajasthans. Die Kleinstadt ist ganzjaehrig und speziell waehrend der jaehrlichen Kamelmesse ein wichtiger Pilgerort der Hindus. Der hoechsten Hindu-Gottheit Brahma, Schoepfer des Universums, wird nachgesagt am Sarovar See Selbstkasteiung aus- geuebt zu haben. Selbstkasteiung? Auch fuer uns zuerst ein unverstaendliches Wort. Oder gemaess anderen Quellen hat Shiva, der Gott der Zerstoerung ohne welchen Schoepfung nicht sein koennte, zwei Traenen vergossen als seine Frau Parvati starb. Eine der Traenen fiel hier, die andere in Ketas im heutigen Pakistan. Wie auch immer, wegen der einen oder anderen Sage wird das Staedtchen in fast jeder Ecke von einem Tempel geziert und der See - fuer unser Verstaendnis wohl eher Tuempel - ist von einem Ufer aus Ghats (grosszue- gige Treppenstiegen hinab zum Wasser) umrandet. Wir fahren puenktlich zum Beginn der Kamelmesse ein. Es ist die wichtigste und groesste Messe dieser Art Indiens und touristisch gesehen ebenfalls ein Grossanlass. Denn neben den vielen lokalen und weithergereisten indischen Pilgern und Viehhaendler tummeln sich hunderte von auslaendischen Besuchern, welche sich das Spektakel nicht entgehen lassen wollen. So auch wir. Das Hissen der Nationalflagge und Eroeffnungszeremonie ist gemaess Programm ein erster Hoehepunkt... koennte man meinen... denn die Feier wird nur von weni- gen Leuten besucht. Viel mehr ist man an den Viechern interessiert. Ueber die umliegenden Sandduenen verteilt stehen sie da. Bereits am zweiten Tag sind laut der Tageszeitung 11'674 Kamele anwesend. Die riesigen Vierbeiner sind fuer uns noch etwas seltsam zum Angucken... von der Ausduenstung mal ganz zu schweigen. Turbantragende Rajputs, auf der Suche nach einem geeigneten Subjekt, und mit Kameras bestueckte Touristen kreuzen zwischen den verschiedenen Herden durch den Sand. Die Auswahl ist gross und die Entscheidung fuer den Kauf des "richtigen" Kamels schwierig. Wir lassen es also sein und fahren weiterhin mit dem oeffentlichen Verkehr, der in Indien manchmal nicht viel schneller unterwegs ist als ein Kamel. Neben den von oben herab schauenden Kamelen werden 3836 heilige Kuehe, 2795 Pferde, 935 Wasserbueffel und nicht zu vergessen 5 offizielle Esel feilgeboten. Es wird ge- feilscht und gehandelt, ob auf dem Messeplatz oder in der Stadt. Der Anlass ist fuer Hoteliers, Kaufleute, Restaurantbetreiber und Besitzer von Cybercafes ein gern gesehener Grund, die Preise zu erhoehen. Zum Entsetzen vieler. Kostet eine Stunde Internet von heute auf morgen anstelle 10 Rupien 35 oder das Thali nicht mehr 25, sondern 40 und so weiter... Bevor wir das immer wilder werdende Treiben - sprich mehr und mehr Besucher ueberall sowie mehr und mehr gereizte Anwohner - nach knapp der Haelfte seiner Dauer verlassen, besuchen wir verschiedenste Anlaesse wie das traege wirkende Kamelpolo, das "Feuerwerk" ueber dem Sarovar See, den staubigen Fussballmatch zwischen Pushkaris und Touris und die Kuer des am schoensten dekorierten Kamels. Nach zweihunderttausend Messebesuchern erwartet uns die Menge von vier Millionen Pas- sagieren pro Tag! Das sind im Schnitt 4000 Personen pro Zug, die taeglich verteilt auf zwei Bahnlinien herumkurven - so die Statistik der Lokalzuege in Mumbai. Die Metropole kann mit weiteren stattlichen Zahlen aufwarten: Rund 75 % des indischen Vermoegens liegt hier und zugleich ist die Stadt Heimat der groessten Elendsviertel der Welt. Die Innenstadt mit ihren alten, wuchtigen Gebaeuden aus der britischen Raj-Periode ist schoen, verhaeltnis- maessig ruhig und wird kaum vom Bettlern besucht. Gegen Norden zeichnet sich langsam aber stetig die Veraenderung ab. Einmal aus dem historischen Kern heraus, tuermen sich die Hochhaeuser und Siedlungen der Bewohner und weitab sollen dann die Armenviertel, die ohne fliessendes Wasser sowie dem Anschluss zum Stromnetz auskommen, folgen. Wir bekommen das Ghetto nur aus dem Zug zu Gesicht, erhalten am Strand zwischen Marine Drive und dem Nariman Point aber einen Eindruck wie's vielleicht sein koennte. Eine einzige Gueselhalde und x Leute, welche gerade ihr stinkendes Geschaeft erledigen. Ob mit den Fuessen bereits im Wasser oder noch am trockenen Ufer. Nur drei Kilometer die gleiche Bucht hinauf, am Chowpatty Strand, mietet sich die High Society der Stadt Bambusmatten, um den Hintern ja nicht in den an und fuer sich sauberen Sand setzen zu muessen. Gegen- saetze, die groesser nicht sein koennten. Mumbai ist nicht nur die Finanzhauptstadt Indiens, sondern auch die Filmhauptstadt der weltweit umsatzstaerksten Filmindustrie - B O L L Y W O O D. So der Name des indischen Pendants zu Hollywood. Wir lassen die Moeglichkeit nicht aus, uns einen indischen Kinofilm anzusehen und so landen wir in einer Vorstellung mit dem fuer uns nichtssagenden Namen "Main Madhuri Dixit Banna Chahti Hoon". Ein Film in Hindi... den, weil die meisten Filme so einfach gestrickt sind, man auch ohne weitere Sprachkenntnisse versteht. Doch bevor die Vorstellung beginnen kann, werden nicht nur Werbefilme auf der Leinwand gezeigt. Mit einem Schlag praesentiert sich die orange-weiss-gruene indische Flagge in Leinwandgroesse. Alle, bis auf die zwei nicht-Inder, stehen nullkommaploetzlich auf und die Nationalhymne wird ge- spielt! Seltsam, seltsam... Das witzige an der Filmgeschichte ist, dass sie von einer jungen Frau erzaehlt, welche aus dem laendlichen Indien nach Mumbai zieht, um dort Bollywood- Schauspielerin zu werden. Bereits bei ihrer Ankunft am Bahnhof wird das Landei von Koffer- traegern und Rikschafahren regelrecht ueberfallen und uebers Ohr gehauen... eine Szene welche 1:1 aus dem Leben vieler Reisenden - auch indischen - gegriffen ist! Aller Anfang ist schwer und in einem Punkt unterscheidet sich Bollywood von Hollywood kaum: Dem Happy End. Unsere Zugreise nach Sueden unterbrechen wir fuer zwei geschwaezige Tage in Mangalore , um bei edlem Essen (das heisst in einem Restaurant, das wir als schweizer Fuedlibuerger auch als solches bezeichnen wuerden) einen alten Freund, Martin, aus der Schweiz zu tref- fen. Alle haben wir nach einigen Wochen in Indien viel ueber Erlebnisse, Eindruecke und Erfahrungen zu erzaehlen und wir erfahren das eine oder andere verpasste aus der Schweiz. Die gemeinsame Zeit ist bei so viel Quasseln schnell um und unsere Wege trennen sich wieder... fuer den Moment jedenfalls. Ein weiterer Nachtzug bringt uns nach Trivandrum oder neu-indisch Thiruvananthapuram - einer der neuen Staedtenamen, der sich auch bei den lokalen wegen seiner Laenge und Unaussprechlichkeit nicht durchsetzen kann - fast an die Suedspitze Indiens, wo wir uns fuer vier Wochen von Indien verabschieden... wir duesen naemlich nach Sri Lanka!