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HP - Himachal Pradesh Ab in die Berge 28.09. - 30.10.2003 Ausgangsort fuer unsere Himalaya-Affaere ist die ehemalige Sommerresidenz der britischen Kolonialregierung Indiens, Shimla. Blauer Himmel, strahlender Sonnenschein und eine fantasische Aussicht - Willkommen in den Bergen von Himachal Pradesh. Die Buecher warnen einem davor, die Touristen ebenfalls und hier holt uns dann die Realitaet ein. Die Hotelvermittler belagern uns, kaum dass wir Richtung Zentrum des mit ueber einer halben Million Einwohnern stattlichen Hauptortes von Himachal Pradesh unterwegs sind. Do you need hotel? Room? Where do you go? Alle Abschuettelversuche schlagen fehl... sei es Aldo, der auf sich gestellt versucht ein Hotel zu finden oder unsere bestimmter werdende Aufforderung uns alleine zu lassen. Waehrend wir mit einem anderen Paar plaudern, stehen 12 oder 13 Schreier vis-a-vis von uns sehnsuechtig zuschaudend und auf den Augenblick wartend, dass wir uns erneut auf die Suche nach einer Bleibe machen. Inzwischen ist es spaeter Nachmittag und nach etwa einer Stunde unterbricht uns gar einer der Jungs, um uns darauf aufmerksam zu machen, dass er nicht ewig Zeit habe! Wie bitte? Was geht uns das an? Knapp vor dem Eindunkeln verduftet dann einer nach dem anderen und schlussendlich finden wir ein Zimmer ohne Aufpreis - sprich die Kommission eines solchen Geldhais - mit Aussicht auf den Bazaar, den Skandalplatz und den Grat. Die wenigen noch existierenden Kolonialbauten in Shimla liegen zentral und sind waehrend einem lockeren Spaziergang schnell mal besucht. Und auch das moderne Shimla zeigt sich von seiner angenehmsten Seite: Haessliche, halbfertige Betonbauten weit und breit... immer- hin, fuer Farbe haben die Inder viel uebrig und die Fassaden praesentieren sich in abbroek- kelndem Blau, Gruen, Gelb und so weiter. Bevor wir uns auf in die "richtigen" Berg machen, laufen in Manali die letzten Vorbereitungen... Proviant einkaufen, die Ausruestung ergaenzen und der erneute, vergebliche Versuch ein Inner Line Permit fuer die Durchreise des grenz- nahen Gebietes zu Tibet durch das Spiti und Kinnaur Tal zu erhalten sowie das Fehlschlagen zu Informationen bezueglich offenen Paessen und Wanderwegen zu kommen. Im Stockdunkel der Nacht legen wir mit einem Bus der H.R.T.C. - ein Kuerzel, das fuer die indischen, oftmals fast unendlich langen Namen der staatlichen Busunternehmen steht; in diesem Fall fuer Himachal Roadways Transport Corporation - los und nehmen die 11stuen- dige Fahrt nach Kaza im Spiti Tal unter die Raeder. Den ersten Abschnitt verpassen wir auf Grund der Dunkelheit und erst beim Chai-Stopp kurz vor dem Rohtang La bekommen wir die sensationelle Landschaft zu Gesicht. Steile Felswaende, mit Baeumen bewachsene Steil- haenge und verschneite Gipfel in der Ferne lassen uns spueren, dass wir auf dem lange er- sehnten Weg sind. Die in den ersten Stunden gewonnen Hoehenmeter verlieren wir ennet dem knapp 4000 Meter hohen Rohtang Pass wieder. Die Strasse wird schmaler, die Kurven enger und der Untergrund holpriger. Um ins Spiti Tal zu gelangen, ist jedoch noch der 4551 Meter hohe Kunzum La zu ueberwinden. Schleichend gewinnen wieder wir Hoehe. Die Um- gebung sieht sich an wie sich ein Drama liest. Ist sie vor dem Kunzum Pass noch steinig grau sowie da und dort mit Waeldchen oder Weiden durchzogen, von tiefen Taelern gepraegt, haut uns der Anblick des Spiti Tales fast um... zum Glueck sitzen wir fest in der Bank und verlieren den Halt nicht! Siehe Fotos... :-) Die Weite des Tales, die schier nicht fassbaren Farbnuancen zwischen braun, ocker, orange-rot, manchmal fast lila, die mit weiss gezuk- kerten Bergspitzen und dem blausten aller blauen Himmel sind beinahe zu viel fuer uns... wir saugen die pure Schoenheit der Gegend richtiggehend auf und fuehlen uns befreit. Nicht nur wir fuehlen uns losgeloest. Auch die Bewohner dieses Tales, ihre Kultur, ihre Religion und Braeuche, gar ihr Baustil scheint uns vom uebrigen Indien abgekapselt: Wir sind im Land der tibetisch abstammenden Minoritaeten. "Zum Dritten" lautet das Motto und so beantragen wir in Kaza doch noch das notwendige Inner Line Permit. Im kargen Buero der hiesigen Behoerden erhalten wir das kaum lesbare Formular von einem netten Beamten mit einer pinkigen Wollmuetze auf dem Kopf. Er unter- schreibt das ausgefuellte Formular mit welchem er uns anschliessend zur Polizeistation schickt, um eine weitere Unterschrift zu holen. Danach kann der Passierschein ausgestellt werden... mit Hilfe eines "Untertanen". Wir bedauern den armen Kerl schon nach wenigen Minuten. Erst wird er geschickt Leim zu hohlen, dann erneut um den Stempel zu besorgen und schlussendlich merkt unser Pinkkaeppchen, dass auch noch das Stempelkissen fehlt... Eines nach dem Anderen. Und weil das Buero so winzig ist, darf der Bote vom Dienst die Passierscheine auf dem Fussboden mit unseren Fotos versehen und abstempeln. Selbstver- staendlich gucken wir, vier weitere Touristen und der Beamte daeumchendrehend zu, wobei sich nur die Antragsteller ueber das artige Vorgehen zu fragen scheinen. Gut Ding braucht Weile und ist erst noch kostenlos! Nach knapp 4 Stunden Geduld ueben haben wir das Papier im Sack. Nach den Grossstaedten Kolkata und Varanasi und den zwar kleineren, deswegen aber nicht wahnsinnig viel angenehmeren Orten wie Darjeeling und Shimla, geht es jetzt endlich los... Ab in die Berge! Die Landschaft des Pin Tals ist nicht viel anders als noch in Spiti, dafuer haben wir die Taeler und Berge hinter dem Dorf Mud fuer uns alleine... bis auf wenige Dorfbe- wohner, welche einige Kilometer das Tal hinauf stockduerres Gestruepp mit Hilfe von Eseln ins kleine Oertchen fugen. Unseren urspruenglichen Plan via den 5319 Meter hohen Pin-Par- vati Pass in die gruene und stark bewaldete Gegend des Parvati Tales zu wandern, begraben wir nach fuenf Tagen und drei Fehlversuchen. Wir verliessen uns auf die zu rudimentaere Karte und Beschreibungen eines aelteren Trekkingfuehrers, in dem Norden mit Sueden verwechselt wird und uns so den "falschen" Pass anlaufen liess. Den dritten Versuch brechen wir ab, ob- wohl wir nun den richtigen Pass vor uns haben und noch genuegend Proviant vorhanden waere. Denn gegen Mittag tuermen sich inzwischen jeweils grosse, weisse Wolken ueber dem Hori- zont unserer Zielrichtung und wir wollen es nicht riskieren Mitte Oktober zwischen 4500 und 5300 Metern ueber Meer eingeschneit zu werden. Tant pis... Pech? Glueck im Unglueck? Unterwegs im bereits viel engeren und fast kargen Kinnaur Tal platzen wir im maerlihaften Nako mitten in eine Hochzeitsfeier. Das ganze Dorf ist auf den Beinen, Gaeste aus anderen Taelern reisen in Scharen an und die Festivitaeten, welche drei Tage andauern, sind ein willkommener Grund unseren Aufenthalt im kleinen Bergdorf zu ver- laengern. Das gemuetliche Beisammensein und die Gespraeche mit jungen Einheimischen werfen auch hier Fragen auf, welche uns bereits in fast allen asiatischen Laendern frueher oder spaeter entgegengekommen sind. Die Jungen wollen wissen, wie sie am Besten ins Ausland reisen koennen, fragen was genau ein Visum ist und auch wie das Prozedere ablaeuft ein solches zu erhalten. Fragen, die fuer uns schwierig zu beantworten sind, weil wir ihnen mit einer ehr- lichen Antwort nicht die Hoffnungen zerschlagen moechten. Die eine Seite von uns wuenscht ihnen die Chance ins Ausland gehen zu koennen. Die andere Seite sieht aber auch, dass wenn sie sich nicht einmal einen Besuch bei der Botschaft in Delhi leisten koennen, sie von den Visums-, Reise- und Aufenthaltskosten finanziell aufgefressen wuerden. Der Traum vom Ausland bleibt wird fuer die Meisten ein Traum bleiben. Wir merken einmal mehr wie praedes- tiniert wir selbst sind, weil wir "einfach" die Moeglichkeit haben - und nutzen - in die weite Welt hinaus zu reisen. Von wegen Auslandaufenthalt... des charismatischen Dalai Lamas Wohnort im Exil stellten wir uns gelassen und atmosphaerisch vor. Doch als wir McLeod Ganj am spaeten Abend erreichen, erwartet uns ein Haufen wilder Hotelwerber und zwei mit Souvenirs und anderem Ramsch vollgestopfte Gassen... welcome to touri-town! Der Ort ist fuer uns eine totale Ent- taeuschung. Wir koennen es uns nicht ganz erklaeren, aber irgendwie haben wir mehr als in Lumpen herumlaufende Touristen, "gepflegte" Bettler und iii-Restaurants (israelisch, italie- nisch und doch noch indisch) erwartet. Vielleicht liegt's auch an der voellig verschwommen Sicht ueber das Kangra Tal. Jedenfalls vergeht uns die Lust hier wie urspruenglich vorgese- hen ueber unsere naechsten Reiseziele zu lesen und etwas zur Ruhe zu kommen. Uns fehlt gar die Lust die Umgebung zu erforschen, die Einkaufsalleen auf und ab zu laufen und so schwelgen wir uns halt in den Kuchenbuffets der iii-Restaurants. Von Carrot-Cardamom und Chocolate Cake bis Apple-Cinnamon Pie... leckerschlecker. Aber auch die Kuchen sind nicht Anreiz genug und trotz der feinen Gebaecke reisen wir am naechsten Morgen in aller Frueh ab. Nach Dalhousie. Ein indischer Ferienort mit indischen Touristen... ein Ort, wo wir uns schon wohler fuehlen, wir unsere Nasen in die Buecher stecken und Spazier- gaenge ueber die sieben Huegel unternehmen. Nach den erholsamen Tagen in der Hoehe - wir sind hier knappe 2000 Meter ueber Meer und haben noch immer den Dunst und Smog des Kangra Tales vor Augen - nehmen wir von den Bergen Abschied. Unterwegs ins hitzige und noch stickigere Flachland gibt der Ratterbus auf den schlechten Strassen Punjabs seinen Geist auf. Auf den Ersatzbus wartend machen wir mit Navneet aus Chandigarh Be- kanntschaft... unserem Gastgeber fuer die naechsten zwei Tage. Chandigarh, die zweigeteilte Hauptstadt der Staaten Haryana und Punjab, hebt sich vom herkoemmlichen Stadtbild Indiens komplett ab. Nicht etwa das verwendete Baumaterial ist speziell. Dies ist auch hier schlicht und einfach Beton - wohin das Auge reicht. Ungewoehn- lich an der Stadt ist, dass sie die erste von Grund auf geplante Indiens ist. Erst durch ein polnisch-amerikanisches Duo angedacht, erfolgte die letzendlich umgesetzte Planung an- fangs der 1950er Jahre durch das Abbild auf der Scheizer 10er-Note... Le Corbusier. Im Museum zur Stadtgeschichte machen wir uns der Entstehungsgeschichte und den dama- ligen Visionen auf die Spur. Wegen der Zerstueckelung Indiens bei dessen Unabhaenigkeit 1947 wurde die damalige Hauptstadt Punjabs, Lahore, Pakistan zugeteilt. Demzufolge musste fuer Ersatz gesucht werden und weil kein passender Ort ausgemacht werden konnte, wurde der Entschluss gefasst von Grund auf neu zu beginnen. Noch heute zeigt sich Chandi- garh von der raumplanerischen Seite her grosszuegig, weitlaeufig und oft fast beaengstigend leer. Auf den weiten Hauptstrassen und vielen Gruenflaechen verteilen sich die Einwohner des Stadtzentrums enorm gut. Die Bewohner sind stolz auf die fuer Indien einmalige Stadt. Doch genau deshalb koennen wir es kaum verstehen, dass die Verwaltung und die Bewohner sie zerfallen lassen. Aufgerissene Strassen und broeckelige Fassaden lassen den Stolz dahinsiechen, die Improvisation beginnt. |