Vientiane >> Nord

Von heiligen Wats und unexplodierten Waffen

10.12. - 25.12.2002

Hoelzerne Stelzenhaeuser, deren Daecher mit getrockneten Palmenblaetter gedeckt sind, praegen das Bild entlang der Hauptstrasse Nummer 13. Nur selten sind in den Oertchen moderne Bauten aus Beton anzutreffen und ausser Bussen und Lastwagen sind kaum Fahr- zeuge unterwegs. Spaetabends erreichen wir Vientiane. Die Hauptstadt Laos' scheint auf den ersten Blick ruhig und gemaechlich. Auf den breiten, grosszuegigen Strassen werben Tuk Tuks um Fahr- gaeste, denn Motorraeder sind laengst nicht in Huelle und Fuelle vorhanden wie noch in den Strassen Hanois. Automatisch kehrt auch bei uns eine Ruhe ein, von welcher uns verschie- denste Laos-Reisende vorgeschwaermt haben. Relativ wenig Verkehr und insbesondere auch viel weniger Einwohner lassen das Staedtchen wie eine Oase wirken. Auf unserer Entdeckungstour durch die laotische Hauptstadt gefallen uns die in der strahlen- den Sonne funkelnden rot-goldenen Wats - buddhistische Tempel. Der Baustil unterscheidet sich komplett von den bis anhin besuchten Tempel chinesischer oder vietnamesischer Her- kunft: luftig leicht, hell und vielfach mit bunten, bildlichen Erzaehlungen geschmueckt. Die haushohen Palmen wiegen sich in der winterlich warmen Brise und runden das Bild nur zu schoen ab. Unsere Nasen noch lange nicht voll von Wats, ist Luang Prabang DIE Ortschaft in Laos, die besucht sein will. In der ehemaligen Hauptstadt des Koenigreiches Lan Xang besuchen wir einige der noch existierenden 32 Wats. Reizvoll auf einer Landzunge entlang des Mekong und Nam Khan Flusses gelegen, sind nicht nur die Tempel ein wahrer Segen fuer das Auge, nein, auch die Umgebung darf sich sehen lassen. Dichte Waelder, viele Palmen und Bananen- baeume erstrecken sich ueber die langen, weiten Huegel. Zwischen den oftmals renovierten, franzoesischen Haeuserreihen aus der Kolonialzeit tummeln sich zu unserem Erstaunen bei- nahe mehr Touristen als Einheimische. Generell sind wir ueber die grosse Anzahl Besucher in Laos erstaunt... es scheint sich in den letzten Jahren einiges veraendert zu haben. Aldos Schwester Nicole erzaehlt uns noch von 6 Westlern, die den nahegelegenen Wasserfall Tat Kuang Si besuchen - heute werden Busladungen voll Besucher hingekarrt. Ueber holprige Strassen kurven wir auf den harten Bankreihen der Toyota Pick-Ups sitzend durch den Nordwesten von Laos... bis es uns fast uebel wird. Entlang der einfachen Strassen treffen wir immer wieder auf kleine Siedlungen, doch meist ist die Landschaft unbewohnt. In Luang Nam Tha schalten wir einen Gang zurueck und entspannen unsere Glieder auf einer Wanderung zur Phum Phuk Stupa und dem 2000-Seelen Dorf Namnguen. Unterwegs lernen wir Khouth auf seinem Weg nach Hause kennen. Der Junge spricht ein fabelhaftes Englisch und laesst uns wissen, dass ihm das Studieren der Sprache viel Spass macht. Beim Besuch seines Stelzenhauses erzaehlt er uns interessantes ueber das Dorf, dessen Organisation und Bewohner sowie die Reisernte. Zweimal jaehrlich kann geerntet werden: nach 6 Monaten, im November, den Klebreis und nach einer Wachstumsperiode von ca. 3 Monaten, im Juni, den Trockenreis. Der Erloes vom Verkauf einer Tonne Reis belaeuft sich gerade mal auf 100 Dollar... rechne, rechne bei 3 Tonnen, welche die Familie pro Jahr verkauft. Auf einem Rundgang durch das idyllische Namnguen erhalten wir die Moeglichkeit frisch destillierten, noch lauwarmen Lao Lao - Reisschnaps - zu koestigen. Wahnsinnig gut... stark im Geschmack und trotzdem sanft im Abgang. Eine positive Ueberraschung zu dem ansonsten meist rauhen, nur nach Alkohol riechendem Reisschnaps. Nach einigen Erinnerungsfotos verabschieden wir uns, um die Wei- terreise auf dem Mekong Fluss und der Landstrasse nach Phonsavan in Angriff zu nehmen. Die ersten Stunden unserer Fahrt fuehren ueber eine bergige, kurvige Strasse, bevor wir mit einem Schlag in eine voellig andere Vegetation eintauchen. Das auf 1200 Metern ueber Meer gelegene Plateau rund um Phonsavan hebt sicht durch die lichten Nadelwaelder und weiten, trockenen Weiden von der ueblichen Landschaft im Norden ab. So verschieden die Natur, so verschieden das Staedtchen. Der Baustil, die unzaehligen Toeffs und viele der Bewohner er- innern uns an Vietnam. Selbst der lokale Markt zieht unsere Aufmerksamkeit ganz auf sich. Neben Bergen von scharfen Chillis und suessen Bananen, Huehnern und Schweinen entdek- ken wir die artigsten Viecher, die zum Verkauf angeboten werden. Maulwuerfe, Dachse, auf- gespiesste Eichhoernchen und viele frische Fische... obwohl weit und breit kein grosser Fluss fliesst. Wir wissen noch heute nicht, ob es am Salat oder dem mit Honig gesuessten Lao Lao lag, dass Aldo fuer die naechsten 24 Stunden der fleissigste Besucher der Toilette ist. So kommt es, dass Doris die raetselhafte Ebene der Tonkruege - Plain of Jars - ohne ihren Herzaller- liebsten besucht. Die drei groessten und interessantesten der rund 52 Fundstaetten liegen einige Kilometer suedoestlich von Phonsavan. Die von knapp 50 Zentimetern bis 2,5 Meter hohen Kruege liegen verstreut in der meist baumlosen und trockenen, von Bombardierungen gepraegten Landschaft. Bombentrichter und etliche zerstoerte Tonkruege sind auszumachen. Das Alter der mal zylindrisch, mal oval foermigen Gefaesse wird auf 2000 Jahre geschaetzt. Diese sind aus Granit, Schiefergestein oder Kalkstein gemeisselt, doch da dieses Gestein in der Gegend nicht vorkommt, bleibt die Frage offen, wie und wer diese bis zu 6 Tonnen schweren Brocken hierher brachte. Die urspruengliche Verwendung ist ebenfalls ein Raetsel. Funde von landwirt- schaftlichen Produkten wie Reis deuten auf Vorratsbehaelter hin und menschliche Ueberreste in anderen Fundstaetten auf Begraebnisurnen. Es bleibt die Hoffnung, den Geheimnissen auf die Spur zu kommen, wenn der laotische Ober-Archaeologe sein Studium in Australien abge- schlossen hat :-) Die herrliche Landschaft lockt uns Wanderungen zu unternehmen und das Zelt auszupacken, doch daraus wird nichts - noch zu viel unexplodiertes Bombenmaterial aus vergangenen Zeiten liegt herum und mit einem Fuehrer unterwegs zu sein, ist nicht wirklich unser Ding. Bei Gespraechen am abendlichen Feuer erfahren wir einiges ueber die "bombige" Geschichte mit den Amis. Von 1964-73 bombardierten sie grosse Teile von Laos, wobei in den letzten 4 Kriegsjahren etwa 2 Millionen Tonnen explosives Material in allen erdenklichen Formen abge- worfen wurde - im Schnitt alle 8 Minuten, 24 Stunden und 7 Tage die Woche waehrend vier Jahren! Wieso? Nach etlichen Jahren des Verneinens der Bombardierung, geben die amerika- nischen Behoerden inzwischen zu, grosses Unheil angerichtet zu haben. Der offizielle Grund: Flieger aus der Kriegszone im Nordwesten von Vietnam konnten auf Basen in Thailand nicht mit Bomben landen. Deshalb wurden die uebrigen Boembeli halt auf Laos abgeworfen. Bullshit, sagen die Laoten. Opium ist das Zauberwort! Die Franzosen exportierten Opium innerhalb von Kaffeesaecken und als die Amerikaner das lukrative Geschaeft fuer sich selbst entdeckten, setzten sie alles daran, die vorschreitenden Kommunisten Vietnams und Chinas von den er- tragsreichen Feldern fernzuhalten. Den H'Mong (eine ethnische Volksgruppe in weiten Teilen des Nordens von Vietnam und Laos) warfen sie Lebensmittelrationen ab, damit diese auf den Gemuesegarten verzichteten, voll auf die rote Bluete setzten und die Amis im Guerillakrieg unterstuetzten. Etwa 10 bis 30 % der abgeworfenen Bomben explodierten nie. Eine Zahl, die damals 6 unexplodierte Objekte pro Laote ausmachte. Im Jahr 2002 sind "nur" 34 Menschen an den Blindgaengern gestorben - notabene eine tiefe Zahl. Der Gipfel und nicht nur Empoerung unter der lokalen Bevoelkerung ausloesend: die Amis beteiligen sich nicht an der Saeuberung der Felder und Waelder und unterstuetzen diese finanziell nur minimal... viel lieber investieren sie Unsummen von Geldern fuer die Suche nach MIAs (Missing In Action - Kriegsvermisste). Hilfsorganisationen erhalten nicht einmal Informationen wie die 30 Jahre alten Bomben sicher entschaerft werden koennen - ein Irrwitz! Tja, Amerika scheint seine Dollars woanderns "ab- werfen" zu wollen. Nach einem zauberhaften Sonnenuntergang und einer klaren, kuehlen Nacht, welche die Tem- peraturen wie seit langen nicht mehr sinken liess - 5 bis 10 Grad Celcius... brrr - fahren wir mit dem Bus zurueck nach Vientiane. Kaum fuenf Minuten unterwegs bekommt einigen Laoten die kurvige Strasse nicht gut. Die ersten uebergeben sich und entledigen sich ihres Fruehstuecks. Die Crew ist vorbereitet. Sie verteilt Plastiktuetten, welche regelmaessig in hohem Bogen zum Fenster hinausfliegen... nach einer Stunde kehrt etwas Ruhe ein. Das ganze Schauspiel wiederholt sich nach dem Mittagessen - diesmal entledigt man sich der Nudelsuppe - und die meisten sind froh, erleich- tert die Tortur nach 10 Stunden hinter sich zu haben.