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Intermezzo
Sinnieren ueber China
13. - 17.11.2002
Zurueck im Land der Instantnudeln, Sonnenblumenkernen, Strassenkuechen, spuckenden
Passanten und guenstigen Unterkuenften, fahren wir via Yangshuo in Guangxi Provinz
nach Vietnam.
Inmitten der spitzen, artig geformten Karstkegel, welche in den hie und da bedeckten
Himmel ragen, reihen sich Holzhaeuser entlang engen und teilweise autofreien Gassen.
Mit zwei Monaten China-Erfahrung im Gepaeck, beeindrucken uns die ueberhoehten
Preise fuer die Menues in den Restaurants oder Kleider in den Regalen kaum... wir wissen
zu feilschen oder einfach den "echten" Preis zu nennen und koennen verstehen, dass
"China-Neuankoemmlinge" nach Hong Kong denken "guenstig, guenstig" und die Preise
anstandslos bezahlen. Beispielsweise will uns eine Verkaeuferin ein T-Shirt fuer 90 Yuan
verkaufen, doch als wir sagen, dass dieses maximal 15 Yuan kosten kann, erhalten wir es
ohne Diskussion fuer den tiefen Preis. Dies hat nichts mehr mit feilschen zu tun, sondern
ist ganz einfach versuchte Abzockerei!
Was mit dem Loesen eines Busbillettes an die chinesisch-vietnamesische Grenze beginnt,
endet mit einer Einladung an eine chinesische Hochzeit, welche wir nur zu gerne annehmen.
Hong Yun und Jack feiern mit ihrer Familie, Freunden und einigen auslaendischen Gaesten
im Golden Park Hotel in Guilin DAS Ereignis im Leben jeder Chinesin und jedes Chinesen:
ihre Hochzeit. Ueber mehrere Stunden trudeln die Gaeste ein waehrend das Brautpaar noch
einige Foto- und Videoaufnahmen in der Umgebung macht. Chaotisch wie das Eintrudeln der
Gaeste verlaeuft auch das offizielle Gratulieren und uebergeben eines kleinen, roten Couverts,
welche die Kosten fuer das Nachtessen decken sollen. Der Saal beginnt sich zu fuellen
und nach einigen Apero-Haeppchen servieren die Hotelangestellten in einem Hoellentempo
einen Hauptgang nach dem anderen. Gleichzeitig haelt ein offiziell eingeladener VIP-Gast,
in Hong Yun und Jacks Fall die Chefin von Hong Yun, eine Ansprache, die den beiden den
Segen mit auf den Weg gibt. Das Brautpaar geht von Tisch zu Tisch, um auf die Gaeste mit
Reiswein anzustossen und fuer dessen Kommen zu danken... danach wird frisch froehlich
weitergegessen, indem die drehende Scheibe auf dem Tisch den gewuenschten Teller vorbei-
kommen laesst und ein jeder mit den Staebchen das Gewuenschte herauspickt, und unab-
laessig mit Bier und Reiswein geprostet. Nach etwas mehr als einer Stunde verabschieden
sich bereits die ersten Geladenen und andere besuchen das neue Heim des Brautpaares...
zu unserem Erstaunen eine hypermodern eingerichtete und nigelnagelneue 4-Zimmer-Woh-
nung, welche die beiden fuer knappe 20'000 Schweizer Franken erworben haben. Nach einigen
glueckbringenden Spielen und einer Fragestunde an das Brautpaar verabschieden auch wir
uns und fahren zurueck nach Yangshuo. Auf der Rueckfahrt sinnieren wir ueber das eben
Erlebte und sind erstaunt, dass as scheinbar Wichtigste im Leben eines Chinesen alles in
allem doch nur "so ne chorze Chut" ist.
In Pingxian, unserem letzten chinesischen Dorf vor der Grenze zu Vietnam wollen wir unsere
restlichen Yuan auf der Bank in USD oder vietnamesische Dong wechseln. Doch zu unserer
Ueberraschung will die Bank of China unsere Quittung der Agricultural Bank of China nicht
akzeptieren und meint, wir muessen dieses auf derselben Bank wieder zurueckwechseln. Auf
der Agricultural Bank laesst man uns wissen, dass sie keine Dollars herausgeben koennen
(oder duerfen) und wir muessten dies auf der Bank of China wechseln! Tja, selbst am letzten
Tag in China werden wir nicht von dessen Buerokratie verschont. Wir ueberreden den Bank-
angestellten der Acricultural Bank mit uns auf die Bank of China zu kommen, um das Prob-
em zu klaeren. Auf dem Weg treffen wir auf einen Geschaeftsmann aus Shanghai, welcher
tiptop englisch spricht und uns ohne zu zoegern seine Hilfe anbietet. Wir stehen nun zu viert
in der Bank of China... doch alles nuetzt nichts: es ist unmoeglich, die legal erworbenen
Yuan legal zurueckzutauschen, wenn eine andere Bank als die Bank of China die Dollars ent-
gegengenommen hat! Zum Glueck hilft uns Gun Yun, der Shanghaier, unsere restlichen Yuan
auf der Strasse in Dong zu wechseln. Ebenfalls gibt er uns einige Tips bezueglich vietname-
sischen Preisen und der Weiterreise nach Hanoi mit auf den Weg, welche - wie sich spaeter
herausstellt - aeusserst nuetzlich sind!
Hinweis: wer via Friendship Pass China verlaesst, muss eine Bearbeitungsgebuehr von 10
Yuan bezahlen - also nicht alles vorher in Dong oder eine sonstige Fremdwaehrung wechseln!
In den vergangenen 10 Wochen erlebten und entdeckten wir ein China, in dem...
...Huehnerfuesse und Schweinsschwaenzchen ein Snack fuer Zwischendurch sind
...man mit freundlichem Anstehen nie zu einem Zugbillett kommt
...eine durchschnittliche Bus- oder Zugfahrt 10 Stunden dauert
...ein Lichtsignal an der Kreuzung hoechstens als allgemeiner Hinweis dient
...Reisende ihr Gepaeck vor jeder Zugfahrt roentgen lassen muessen und dies nicht erst
seit dem 11.9.2001
...fast jeder touristische Anziehungspunkt eine Unesco World Heritage Site ist und des-
halb mit immensen Eintrittspreisen gerechnet werden muss
...auf Grund des Nationalfeiertages die oeffentlichen Dienste fuer eine Woche geschlossen
haben
...der Wirtschaftszuwachs ueber 7 % betraegt, jedoch zum groesstenteil nur den suedlichen
Hafenregionen zu Gute kommt
...ein 5-Stern-Hotel direkt neben einer Strassenkueche steht
...entgegen der Informationen in vielen Buechern kaum noch Geld an die Familie der Braut
gezahlt wird und wenn, dann in laendlichen aermeren Regionen
...sich eine einfach Bauernfamilie keine 40 Yuan fuer die jaehrliche Schulgebuehr leisten
kann, waehrend die Kids in den Staedten ein Happy Meal bei McDonalds fuer den selben
Betrag verschlingen
...ueber 90 % der verkauften CDs Raubkopien sind, die dann und wann auch schon mal vor
dem Original in den Laeden erhaeltlich sind
...beinahe ein jeder ueber ein Mobiltelefon verfuegt, jedoch fliessend Wasser oder eine
WC-Spuelung scheinbar zu exklusiv ist
...in den oeffentlichen Verkehrsmitteln weniger gespuckt und geraucht wird, als noch in
den Reisebuechern beschrieben. Gilt aber nicht auf den Strassen ;-)
...waehrend dem Essen noch so richtig "geschmatzt" wird
...uns der eigentlich unangenehme chinesische Massentourismus das Herumkommen dank
einer gut ausgebauten Infrastruktur erleichtert
...in den noerdlichen Provinzen kaum westliche Touristen - somit auch kaum englischspre-
chende Chinesen - anzutreffen sind und wir deshalb meist in Geschaeftshotels absteigen,
welche fuer die relativ teuren Preise hie und da ein grosszuegiges Fruehstuecksbuffet
servieren
...insbesondere in den Hot Spots im Suedwesten - verglichen mit dem Nordosten - englisch
allgegenwaertig ist
...die happigen Eintrittspreise im Sueden des Landes neben den Transportkosten zu den
hoechsten Ausgaben zaehlen
...vom Nordosten quer durch das Land bis in den Suedwesten die gleichen, kitschigen Sou-
venirs verkauft werden
...wir auf eine internationale Jungendherberge treffen, welches in den Monaten September
und Oktober keine auslaendischen Gaeste logieren laesst
...Kleinkinder (und manchmal auch grosse Kinder) jederzeit und ueberall ihr kleines Ge-
schaeft erledigen... ob vor dem Restaurant oder direkt aus dem Fenster im Bus, egal
...der betoerende Duft des Osmanthus Fragrans Doris beinahe aller Sinne beraubt
Das Reiseland China hinterlaesst einen positiven Eindruck und Land, Leute sowie die
Kultur gefallen uns im Allgemeinen gut. Keinen Moment lang haben wir uns unsicher oder
bedroht gefuehlt... vielleicht ab und zu mal von draengenden Strassenverkaeufern oder
Vermittlern bedraengt und belaestigt. Die extremen Gegensaetze zwischen Stadt und Land,
Reich und Arm sowie den Vorstellung der chinesischen Regierung ueber Gut und Schlecht
koennen wir nicht nachvollziehen, verstehen. Wir fragen uns, wie sehr sich die Schere in
der nahen Zukunft noch oeffnen wird.
Nach knapp 10 Wochen und 15'000 OeV-km in China, sehen wir mit gemischten Gefuehlen
Vietnam entgegen. Persoenliche Erzaehlungen anderer Reisender, Buecher und Online-Res-
sourcen berichten mal positiv, mal negativ ueber Vietnam... gehen wir hin und sehen selber!
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