Mandschurei

Anfang und Ende der Qing Dynastie

05.09 - 21.09.2002

Mit der Kometa - einem russischem Tragflaechenboot - geht es am 5. September von Khabarovsk ueber den Amur-Fluss nach Fuyuan, China. Neben den zwei schweizer Rucksacktouristen sind die uebrigen Passagiere an Bord russische Tagestouristen, welche in Fuyuan auf Einkaufstour gehen. Die Reisebegleiter agieren nicht nur als Administrator, sondern spielen auch die Bank und Traeger - irgendwann geht's mit den grossen, schweren Taschen ja zurueck nach Russland! Entgegen unseren Erwartungen, wird unser Gepaeck weder durchleuchtet noch von Hand durchsucht. Einzig interessant finden die Zollbeamten unsere roten Paesse: ein jeder wuerdigt diese eines gwundrigen Blickes und die Kopien werden wohl demnaechst fuer Schulungszwecke dienen... und so aehnlich laeuft es auf der chinesischen Seite, wenn auch etwas zurueckhaltender :-) Die chinesischen Zollbeamten vergessen uns sogar einen Zolldeklarationszettel mit auf den Weg zu geben... wir realisieren das Fehlen erst am Markt und mobilisieren den Reise- fuehrer der russischen Tourgruppe, uns ein entsprechendes Formular zu organisieren. Einige Minuten spaeter halten wir den gestempelten Fakel in der Hand und wundern uns ueber das rasante Tempo: wie echt der runde Stempel ist, werden wir wohl bei der Ausreise sehen... Nach zweieinhalb Monaten Fernostrussland und meist einem bescheidenen Angebot in den Laeden erscheint uns der Markt in Fuyuan riesig. Die grosse Auswahl verschlaegt uns fast die Sprache und wir verstehen die Russen, welche sich einen Ausflug ins Konsumparadies leisten. Raten Reisefuehrer von naechtlichen Ueberlandfahrten in China ab, besteht unser erstes Weiterkommen genau darin: mit zwei Billetten fuer den Nachtbus fahren wir nach Harbin. Am spaeten Nachmittag geht's ueber die weite, flache Landschaft Richtung Sueden... Maisfelder soweit das Auge reicht, ab und zu ein Baum oder ein Bauerndorf. Unsere zwei Pritschen im Liegebus sind ganz bequem, doch die anfangs geteerte Strasse wird bald zum schaukelnden Wiesen- und Feldweg... Aldo wird beinahe seekrank, doch er meistert die Fahrt und am naechsten Morgen um 5 Uhr stranden wir in Harbin. Der Tag ist bereits angebrochen, es ist hell und trotzdem raetseln wir, wo wir uns denn auf der Stadtkarte befinden... wir sind nicht am eigentlichen Busbahnhof angekommen. Nach einiger Zeit und nachfragen bei einem Heimischen schaffen auch wir es ins Stadt- zentrum zu gelangen. Unser zweiter Eindruck Chinas beeindruckt: eine topmoderne Stadt, Hochhaeuser, riesige und allgegenwaertige Leuchtreklamen, neue Autos, mobiltelefonierende Chinesen wohin man sieht und Einkaufszentren - welcher der 50 verschiedenen Reiskocher darf es sein oder doch lieber eine der 30 verschiedenen Thermoskannen? Harbin hat mit 4 Millionen mehr Einwohner als noch Fernostrussland gesamthaft und dem- entsprechend wimmelt es um uns herum... Chinesen da, Chinesen dort und zwei staunende Schweizer mittendrin. Doch nicht nur wir staunen. Die Chinesen glotzen, starren uns an und gehen nebenbei den alltaeglichen Geschaeften (Fruechte und Snacks verkaufen, Tee trinken, spucken oder einfach warten...) nach. Waehrend einem Besuch der Unit 731 werden wir mit der tragischen Geschichte der Mandschuren waehrend der japanischen Besetzung von 1933-45 konfrontiert. Etwa 300'000 Mandschuren - in der Forschungsanstalt "Marutas" oder gefaellte Baumstaemme genannt - wurden dort gefoltert, bzw. als medizinische Testobjekte eingesetzt. Unter anderem wurden Tests mit Gas, Gift, Vakuum, Elektroschock, Hitze, Frost, Wasserzufuhr, Imp- fungen, Amputationen und Bakterien durch die Japaner vollzogen. Letzteres wurde auch fuer die Herstellung vom B-Waffen verwendet. Shirn Ishi, der Direktor der Anstalt, floh schlussendlich und uebergab den Amerikanern die Testresultate, um Asyl zu erhalten. Die japanische Regierung dementierte bis vor kurzem, dass es je ein solches Lager ge- geben hat. Auf unserem Weg durch die Mandschurei besuchen wir natuerlich auch schon die ersten Tempel und Palaeste. Den Qing Imperial Palast in Shenyang oder den Puppet Emporer's Palace in Changchun. Das interessante an diesen beiden Palaesten ist, dass im Imperial Palast die Qing Dynastie im 17. Jahrhundert gegruendet wurde und im Puppet Emperor's Palace mit Pu Yi, dem letzten Kaiser, die Qing Dynastie 1911 wieder unterging. Auf dem Weg zum Puppet Emporer's Palace treffen wir auf eine Baustelle, bei welcher viele Leute mit knallorangen Westen arbeiten. Aldo gefaellt das Bild und knippst eine Foto... doch nur 0.2 Sekunden spaeter stehen 3 nervoese Polizisten um uns herum! Sie wollen uns beinahe die Kamera wegnehmen, doch sie geben sich auch mit dem Film zufrieden. Was oder wen haben wir denn da fotografiert? Vielleicht Strafgefangene? Wir wissen es nicht, aber wir werden zukuenftig vorsichtiger mit Fotografieren sein. Um nach den ersten chinesischen Staedten wieder etwas frische Luft zu schnappen und vielleicht zu zelten, fahren wir in das Changbaishan Naturreservat, das an der Grenze zu Nordkorea liegt. Bei den Hauptattraktionen des Reservates begegnet uns das erste Mal der chinesische Massentourismus - haesslich. Unglaublich viele Verkaufstaende, die alles moegliche und unmoegliche an Souvenirs, sprich Ramsch, verkaufen. Doch keine anstaen- dige Landkarte der Umgebung ist zu finden. Weiter gibt 4x4 Jeeps mit Fahrern in rauhen Massen, welche teuer zu mieten sind, damit niemand auch nur ein wenig spazieren muss! Wir setzen unseren Kopf durch und wandern trotzdem. Weit kommen wir nicht, denn der avisierte Weg ist gerade unter Totalrenovation. Der nette Bauleiter laesst uns zwei Stunden spaeter trotzdem durch, als nicht mehr so viele Bauarbeiter anwesend sind. Aber nach 600 Treppenstiegen endet unser Weg ein weiteres Mal: wir werden von der Polizei angehalten! Alles Werweisen und versuchte Trotzen nuetzt nichts. Wir muessen umkehren und die- Polizisten kommen ebenfalls mit. Die noch anwesenden Arbeiter meinen, dass wir nicht auf sie hoeren sollen... ja, wenn das so einfach waere. Auf halbem Weg zurueck kommt uns der Bauleiter entgegen; auch er kann die Polizisten nicht umstimmen. Die Polizisten gehen zu- rueck ins Dorf und der Bauleiter schlaegt uns vor, dass wir in 2 Stunden einfach wieder loslaufen sollen. Doch bis dann wird es dunkel sein und wir einigen uns, dass wir morgens um 4 Uhr losgehen. Er spricht kein Englisch, wir kein Chinesisch und doch vertehen wir uns mit Haenden und Fuessen ganz gut. Wir duerfen sogar in einer Baubaracke uebernachten... inklusive einer elektrischen Heizmatte, denn auf 1800 Meter ueber Meer wird es nachts bereits bissig kalt. Morgens um 4 Uhr nehmen wir also die 600 Treppenstiege erneut unter die Fuesse. Schon bald erreichen wir das Ufer des Tianchi - himmlischer See - auf 2194 Metern ueber Meer. Ein vulkanischer Kratersee und mit 300 Metern Tiefe der tiefste See in China. Der See darf uebrigens nicht einfach so umrundet werden, denn die eine Haelfte liegt in Nordkorea. Die gebirgige, steinige Landschaft im orangeroten Herbstkleid ist wunderschoen. Wir geniessen die Ruhe, trotz der Kaelte. Die Berggipfel beginnen zu leuchten, die Sonne geht auf und etwas Waerme strahlt auf uns. Ueber einen aeusserst steilen Wanderweg erklimmen wir den Tianwen Gipfel und treffen bereits wieder auf die Jeeps! Doch die Aussicht von den 2600 Metern ueber Meer auf den Tianchi ist sensationell. Ohne unser Zelt benuetzt zu haben und mit gemischten Erlebnissen bezueglich chine- sischem Tourismus geht es mangels detaillierter Karte und Wegweiser wieder zurueck unter die Smogdecke... Via der modernen Automobil-Metropole Shenyang fahren wir in die Ferien- und Shopping- stadt Dalian. Zum ersten Mal empfangen englisches chinesisches Fernsehen! Die Send- ungen und Reportagen des CCTV 9 - China Central Televison International - sind zwar politisch korrekt rosa gefaerbt, doch interessant und die Nachrichten international. Zusammen mit gut 100 weiteren Reisenden in einem Massenschlag fahren wir mit der Faehre ueber Nacht nach Weihai, um in einem atypisch neuen Bus nach Qingdao - der gruenen Insel - zu gelangen. Die Stadt wird ihrem Namen voll und ganz gerecht: das hist- orische Zentrum ist nicht nur irgendwie europaeisch angehaucht, sondern auch tatsaech- lich gruen... gruener und bewaldeter als noch jede andere chinesische Stadt, welche wir bis anhin gesehen haben. Der deutsche Einfluss hinterliess nicht nur architektonisch ihre Spuren. 1903 gruendeten deutsche Auswanderer die Tsingtao-Brauerei, welche heute das in China wohl beruehmteste Bier produziert... und das in Massen. Qindaos Zukunft sieht noch gruener aus, als sie bereits ist. Die Wassersportwettbewerbe der "gruenen" Olympiade von 2008 werden in der Hafenstadt ausgetragen und grunddessen begann die Regierung bereits mit der Aufforstung und Be- gruenung von 700 km Kueste. Nach so viel Gruen sind wir reif fuer etwas mehr Stadt im eigentlichen Sinne... Beijing erwartet uns.