Sikhote-Alin

Auf den Spuren des Amur Tigers

13.08. - 29.08.2002

Abends am Bahnhof von Trudovoe auf den ersten Zug am naechsten Morgen nach Partizansk wartend, treffen auf Nikita, einem Geologie-Studenten aus Moskau. Nikita ist fuer sein Studi-Praktikum im fernen Osten unterwegs und offeriert uns spontan in seinem 2-Bett-Zimmer zu uebernachten... eine echte Alternative zur Parkbank am Bahnhof, trotz feucht-mueffeligem Plattenbau ;-) Unsere Seidenin- lets werden uns noch einige Tage daran erinnern... Bei Brot, Kaese, Gurken etc. reden und diskutieren wir bis spaet in die Nacht hinein. Es zeigt sich, dass nicht nur wir von Vladivostok positiv ueberrascht sind und dass junge, "studierte" Russen a la Nikita die russischen Teens ebenfalls nicht verstehen - es gibt anderes als Zigaretten und Alkohol! Ihm ist bewusst, dass die Bewohner Fernostrusslands nicht viel Gutes ueber die "Westler" - sprich Moskauer - denken... reiche, snobby Leute und eine Regierung, die saemtliches Geld einsackt, um nichts im fernen Osten zu reinvestieren. Doch umgekehrt ist's nicht viel besser: halten die Moskauer die Fernostrussen fuer baertige ungebildete Jaeger, die noch immer im 19. Jahrhundert leben. Tja, Vorurteile... trotzdem sind alle - ob im Osten oder Westen - stolz Russen zu sein. Nach 3 langen Stunden im Bus stehend, erreichen wir Lazo. Ein kleineres, von 6-stoeckigen Plattenbauten verschontes, Doerfchen am Rande des Lazovski Zapo- vednik. In den Bueros des Naturreservates unterhalten wir uns mit Sergej, erhalten interessante Infos zur Flora und Fauna sowie den Kosten. Diese sind dermassen hoch (stolze $ 25 pro Stunde und Person), dass wir uns kurzerhand fuer drei Tage Strandferien entschliessen. Zugegeben, es macht nicht eigentlich Sinn, den Zapo- vednik zu besuchen, da die Flora und Fauna ausserhalb des Reservates nicht anders ist und wir somit den Lebensraum innerhalb des Reservates nicht stoeren. Doch einmal mehr ist es erstaunlich, wie Geld Unmoegliches moeglich macht, auch wenn ein Zapovednik in Russland bezueglich Schutz die hoechste Prioritaet geniesst. Umzingelt vom Land des Zapovedniks faulenzen wir am Strand bei Petrova. Weite Sandstraende und blaugruenes Wasser in einer zauberhaften Umgebung lassen uns ueber das etwas zu kalte Wasser der Japanischen See hinwegsehen. Nach drei Naechten an Ort und Stelle zelten - bis jetzt ungeschlagener Rekord - geht's zurueck nach Lazo, um Linda zu besuchen. Linda ist eine amerikanische Biologin und unsere erste "Westlerin", die wir seit Alaska antreffen. Sie lebt seit gut 8 Jahren in Fernostrussland und arbeitet fuer diverse Tigerschutz-Organisationen. Nachdem sie einige Jahre dem Amur Tiger mittels Radiotelemetrie auf der Spur war, trainiert sie heute ihre deutschen Schaeferhunde, die in der Wildnis gesam- melte Tiger-Exkremente schnueffeln, um einzelne Tiger unterscheiden zu koennen. Viele Tiger gibt's jedoch nicht mehr zu unterscheiden. Die russo-amerikanischen Forschungsteams schaetzen die Anzahl noch wilder Amur Tiger auf 200 bis 300, davon sollen 6 erwachsene Tiger und 3 bis 4 Jungtiere innerhalb des Lazovski Zapovedniks heimisch sein. Bezueglich der Groesse des Reservates eine optimale Tigerpopulation. Mit bis zu 2.5 m Laenge und 300 kg Gewicht ist der Amur Tiger die groesste Katze der Welt. Im Durchschnitt erlegt ein ausgewachsener Tiger 2 bis 3 Tiere pro Monat, doch geht es auch schon mal 4 Wochen ohne Nahrung - vegetarisches steht ganz und gar nicht auf dem Speiseplan. Nachwievor der Hauptgrund fuer die mikrigen Zah- len frei lebender Amur Tiger ist das Wildern. Obwohl Tiger meist "nur" aus versehen (Wilderer werden ueberrascht und peng!) geschossen werden, bildet das Abschiessen der Nahrungsgrundlage des Tigers das eigentliche Problem. Jaehrlich werden mehr und mehr Rehe, Wildschweine etc. abgeschossen. Das "Wild" wird nach Vladivostok verkauft oder ist im Dorflaedeli als "Rindfleisch" erhaeltlich! Ein weiterer Grund fuer die Dezimierung der Tiger-Population ist der Ausbau des Strassennetzes. Mehr zu den schoenen Buesis unter Tigers in the Snow - ein sehr schoenes Buch ueber Tiger in Fernostrussland, Riding the Tiger - dieses Buch befasst sich mit der wissenschaft- lichen Seite der Tiger auf der ganzen Welt oder The Way of the Tiger - fuer den Tiger-Interessierten im Allgemeinen ergaenzt mit vielen Bildern und einigen Fakten des Buches "Riding the Tiger"... von uns fuer dich bereits quergelesen, also nicht uebel ;-) Von Lazo geht es nach Terney, einem kleinen Dorf an der Kueste, in welchem der Sitz des Sikhote-Alin Zapovedniks ist. Im Gegensatz zum Lazovski Zapovednik, werden die Tiger hier mit Hilfe der Radiotelemetrie beobachtet und die Studien laufen unter dem Begriff "The Sibirian Tiger Project". Bei Vollmond besuchen Yevgenis Bienenfarm und haben das Glueck, dass am Abend ein kleines Fest stattfindet... so bekommen wir alle moeglichen Produkte zu sehen und zu probieren, welche er herstellt. Besonders Gefallen finden wir an seinen guten und hochprozentigen Schnaepsen aus Honig! Verschiedene in den Waeldern Terneys ge- sammelte Kraeuter werden eingelegt und so bekommen die Schnaepse eine medizinische Wirkung und ihren Geschmack. Nicht nur diese duerfen wir probieren, nein, auch Honig samt Wabenstruktur kosten wir und Limmonik, eine Art Sirup, der aus Beeren gemacht wird gibt's zum Trinken. Je nach konsumierter Menge wirkt Limmonik blutdrucksenkend oder -erhoeend... auf jedenfall mundet uns das warme Getraenk sehr gut. Am Blagodatnoe See, 15km suedlich von Terney, treffen wir auf unsere ersten Tiger- spuren... wenn diese auch schon aelter sind. Der See liegt eigentlich innerhalb des Zapovedniks, doch die Bevoelkerung darf gegen eine kleine Gebuehr (und Besucher aus weiter Ferne fuer eigentlich eine hoehere Gebuehr, die in Begleitung ansaessiger um- gangen werden kann) an Kueste der Japanischen See und sowie an den Blagodatnoe See. Der Strand ist steinig und laesst den weissen Sand von Lazo fast etwas vermissen. Die Buschlandschaft und huegelige Umgebung des Salzsees Blagodatnoe laden uns zum Umherstreifen ein. Erholt machen wir uns anderntags mit dem Bus und anschliessend mit dem Zug auf nach Khabarovsk, unserem letzten Ziel in Russland. Zwei lange Tage unterwegs und zwei lange Naechte in Bahnhoefen stehen uns bevor.