Kamchatka

Bilderbuch oder Realitaet?

29.06. - 29.07.2002

Am 28. Juni fliegen wir morgens um 6.40 Uhr mit einer Tupolev 154 der Magadan Airlines Richtung Petropavlovsk-Kamchatsky, wo wir 4 Stunden spaeter am 29. Juni landen. Mit wenig Schlaf und nur 10 Stunden ist der 28. Juni wohl unser kuerzester Tag! Die vielen Horrorgeschichten ueber Russland's Fluggesellschaften konnten uns nichts anhaben. Magadan Airlines ist besser als jede Ami-Gesellschaft... zuvor- kommender Service, ein heisses und gutes Mittagessen und fuer durstige Kehlen ein erstes russisches Bier. Gut gelandet, bibbern wir vor der Passkontrolle und hoffen, dass der Zollfakel auch richtig ausgefuellt ist... das Warten zieht sich dahin, dann folgt ein Stempel da, ein Stempel dort und drin sind wir. Informationen aus Buechern Mitte der 1990er Jahre, keine handfesten Angaben ueber das Wo und Wie sowie viele Schauergeschichten ueber Fernostrussland, liessen uns fuer die ersten 10 Tage eine Tour buchen. So werden wir am Flughafen abgeholt und fahren nach Petropavlovsk. In einem traditionellen sovjetischen Plattenbau beziehen wir eine private Wohnung, welche wir fuer horrende $ 30 pro Nacht mieten. Verglichen mit den $ 100 Monatsmiete, die Einheimische fuer eine solche Wohnung bezahlen, ist's ganz schoen viel... aber noch immer guenstiger als ein Hotelzimmer. Bis zum Start der Tour bleiben uns knappe zwei Tage, um Kamchatkas Hauptstadt Petropavlovsk zu erkunden. Viel Beton, viel Staub und noch viel mehr Verkehr - doch dank strahlendem Wetter, einer tollen Sicht auf die Avachinskaya Bay und die umliegenden Vulkane sowie einem Sommerfest mit Musik und viel Bier (fuer die Russen) ist das erste bisschen russische Luft mehr als positiv. Die Stadt selbst ist bezueglich "Sightseeing" nicht gerade attraktiv, umso mehr sind wir erstaunt und freuen uns ueber die Vielfalt des Marktes... Gemuese, Fruechte, Fleisch, Fisch, Kaese, Brot, Schoggi usw. sowie Kleider, Schuhe, Leim, Taschen, Autozubehoer, Elektronik, Sonnenbrillen - was das Herz begehren koennte! Sogar unsere heissgeliebten Waffel-Glaces, die wir aus dem Baltikum kennen, gibt's fuer einige Rubel zu erstehen. Unsere Tour ins Nalychevo Valley beginnt mit warten. Zuerst in der Wohnung, dann an der Promenade und zu guter letzt vor dem Helikopter. Wir haben Glueck - der Hoch- nebel verzieht sich und der Flug findet statt. Mit dem orange-blauen MI-8 Heli brummen wir ueber dicht bewaldete Taeler ins nahe und doch so weit entfernte (100 km) Zentrum des Nalychevo Valleys. Uns erwarten nicht nur die Muecken zu Hauf, sondern auch heisse Quellen... 3 wunderschoene, naturbelassene Pools - Luschas auf Russisch. Durch maerchenhafte Birkenwaelder wandern wir zu den Talovskye Thermalquellen, wo wir nach einem entspannenden Bad am Abend zarteste Schweinsplaetzli geniessen und zu Gitarrenmusik von Waldemar (einem echten Seebaeren im Wald) zwei, drei Vodkas kippen. Der lange Abend laesst die eh schon lange Wanderung auf den Vulkan Dzenzur nicht kuerzer erscheinen und zu allem Uebel gibt's nicht viel Vulkan zu sehen... etwas Dampf und ein wenig Schwefel - das ist's dann auch gewesen. Fuer einmal keine heis- sen Quellen: bei den Aag Mineralquellen sprudelt das Bloetterliwasser direkt aus dem Boden - ja, mit Kohlensaeure und dem dazugehoerenden Nebengeschmack. Die Neben- wirkung bleibt nicht aus: auf der Wanderung loest sich die frischverleimte Sohle von Aldos Schuh bereits wieder und wir freuen uns ueber amerikanische Qualitaetsarbeit. Etwas Schnur, ein guter Knoten beheben das Problem fuers Erste und die 50 km der 2-Tages- wanderung nach Pinachevo laufen sich ganz gut. Zum Abschluss geht es mit einem uuuuralten Toyota Land Cruiser auf einer Vierlivier-Fahrt (30 km in 3 Stunden!) entlang des Avacha-Flusses zum Ausgangspunkt des River Raftings. Auf einem Katamaran - Modell Russland, sprich Modell Baukasten - rauschen wir die Avacha hinunter. Zehn tolle Tage in einer traumhaften Gegend... alles scheint perfekt zu sein, wenn der Guide nicht Doris’ Maetteli geschliessen haette ohne dazu zu stehen. Der anschlies- sende Fight fuer Ersatz beziehungsweise die $ war zaeh... doch 4 Stunden Sturheit haben geholfen. Wieder auf eigene Faust unterwegs besuchen wir “Little Switzerland” um das evenische Dorf Esso. Die Busfahrt ist mit 12 Stunden lang und auf einer Strecke von 550 km platzt schon mal ein Reifen oder ist eine betrunkene Russin an Bord. Bei 2.5 Rappen pro km kann man fuer so viel Unterhaltung nicht viel sagen. Und als Binnenlaender liegt es auf der Hand, dass wir die Naehe der Kueste suchen. Kaum am Ziel, werden wir von drei Jungs in Vierfrucht-Pyjamas aufgegriffen. Sie versuchen, uns auf russisch klar zu machen wer sie sind und dass wir in einer “verbotenen” Zone seien. Skeptisch wie wir sind - kann ja ein jeder daherkommen und sagen er sei vom Militaer oder so - wollen wir nichts glauben und fahren im alten Armee-Lastwagen (Typ vor MD-2... Aldos Ergaenzung) zum Buero. Nicht aller Zweifel wohin die Reise wirklich geht erhaben, trennen wir auf der extrem holprigen und staubigen Fahrt Paesse und Geld. Der LKW stoppt abrupt und hinter verschlossenen Toren werden wir in ein Buero eskortiert. Mit den selben Jungs hinter dem Tisch und einem “Uebersetzer” neben uns erhalten wir einen offiziellen Report, dass wir zu nahe am Meer sind... wer weiss denn schon, dass man eine Bewilligung braucht, wenn's auf der Karte nicht eingezeichnet ist und in unseren Buechern nicht erwaehnt wird? Jeden- falls spaetestens nachdem sie uns auf dem Kuestengrenzwache-Gelaende haben zelten lassen, ist das Eis gebrochen... eine russische Banya (Dampfsauna) und eine anschlies- send durchgefeierte Nacht mit unserem ersten roten Lachs-Kaviar (frisch vom Fisch und feeiin) und den ersten "unfreiwilligen" Versuchen in Karaoke folgen. Frueher als geplant von der Kueste zurueck bleiben uns einige Tage, um in der Naehe von Yelizovo querfeldein die Huegel rauf und runter zu wandern. Die Anstrengungen lohnen sich: bei strahlendem Wetter geniessen wir ein fantastisches Panorama ueber die gesamte Avachinskaya Bucht und Petropavlovsk sowie den Ausblick zu den Vulkanen Koryakskaya, Avachinskaya, Mutnovsky und Viluchinsky. Unsere vier Wochen auf Kamchatka verfliegen im Nu. Die Menschen sind nett, hilfsbereit und heissen uns herzlich willkommen - Gastfreundschaft ist gross geschrieben, solange wir's nicht mit den geldgeilen Haien der Touri-Agenturen zu tun bekommen. Die Natur - rauchende Kegelvulkane, heisse Quellen, meanderne Fluesse und Laubbaumwaelder soweit das Auge reicht - ist sensationell... hat aber auch ihre zweite Seite. Zieht doch bei allzu schoenem Wetter der Smog ueber Petropavlovsk und die coole Avachinskaya Bucht und ist "Guesel" ebenfalls gang und gaebe.