Querdurch

Von Ost nach West

09.03. - 06.04.2004

Mit unseren letzten paar Rials werden wir vor dem Eingang des iranischen Zolls Lira-Millionaere. Als ob mit rund 6000 Rials fuer einen Franken zu rechnen nicht schon viel gewesen waere... Nicht wirklich, nein, die tuerkische Lira ist diesbezueglich wohl das uebelste an Waehrung, die zu haben ist. Eine Million Lira entspricht heute einem Franken, der vor gut 6 Jahren noch ganze fuenf Wert war. Doch ab 2005 sollen sechs Nullen gestrichen werden... dann kann mit dem Spiel wieder von vorne begonnen werden. Bereits bei den Iranis muessen wir auf die Oeffnung der Passkontrollen warten, im Gegensatz zur tuerkischen Seite jedoch in einer geheizten Halle und auf einer Bank. Mit ueber 20 weiteren Personen stehen wir bei leichtem Schneefall neben der Passkontrolle. Die Unterhaltung mit einem iranischen Ehepaar, welches ihre Niederlassungsbewilligung fuer Kanada in Ankara ab- holen kann, waermt nicht, aber lenkt uns immerhin von der bissigen Kaelte ab. So erleben wir Irans Brain Drain eins zu eins mit. Die Landschaft um die Grenzstadt Dogubayazit ist wunderschoen und der Berg Ararat bildet mit seinen stolzen 5'165 Metern Hoehe einen atemberaubenden Ausblick. Auf dem Weg zu einem alten, ausserhalb der Stadt gelegenen Palast blaest uns eine eisige, kalte Bise ins Ge- sicht und wir sind froh, auf dem Rueckweg den Wind von hinten um die Ohren pfeifen zu hoeren. Wegen Dogubayazits Lage, nahe zur iranischen und aserbaijanischen Grenze, wundern wir uns nicht, eine stattliche Anzahl Militaers zu erblicken. Die ersten Eindruecke der Tuerkei lassen bei uns den einen Gedanken aufblitzen: Welcome back to Asia! Ungleich hohe Trottoirs, von Hand gezogene, mit allem Moeglichen beladene Schubkarren, Verkaeufer, die versuchen 10 Batterien oder ein Paeckli Papiertaschentuecher an den Mann zu bringen, kleine und kleinste Laeden an jeder Ecke und mit der Sauberkeit ist es wieder weiter her als auch schon. Dennoch, einige Anzeichen verraten uns, dass wir uns Europa definitiv naehern. Die Dichte der Automodelle a la Mercedes, Ford und Renault nimmt enorm zu und das Vorhandensein grosser Supermaerkte mit nur allzu bekannten Namen wie Migros laesst heimatliche Gefuehle aufkommen! Die tuer- kische Variante der Migros hat uebrigens nichts mit der Schweizer-Version am Hut. Im Gegen- teil, in der Tuerkei verkauft die Kette Alkohol, Zigaretten und grundsaetzlich ist diese Migros teurer als die Konkurrenz. Unsere erste Dolmus-Fahrt fuehrt uns ueber eine Hochlandschaft, die noch tief unter der winter- lichen Schneedecke liegt und ueber einen 2'666 Meter hohen Pass, nach Van. In Hoehen ueber 2'000 Metern ueber Meer liegt noch immer massig Schnee und die Doerfer und Militaerposten sind oft kaum auszumachen. Das einzig etwas unangenehme im Osten Anatoliens sind die unzaehligen Militaerkontrollen. Diese verlangsamen die Busfahrten enorm, beziehungsweise bringen die Fahrt gaenzlich zum Stoppen als ein Lokaler beim Schmuggeln erwischt wird! Seine Taschen werden auf offener der Strasse ausgeleert und dutzende von Medikamentenschachteln fallen auf den Boden... Eine Stunde spaeter werden sie wieder eingepackt und der boese Bube wird in unserem Bus mit einer bewaffneten Begleitperson bis zur naechsten Polizeistation es- kortiert. Ende Feuer fuer ihn. Um ehrlich zu sein: Wir sind etwas erstaunt, dass keine Geld- scheine die Seite wechseln oder die Sache sonstwie zurechgerueckt wird. Aber vielleicht kommt das ja spaeter... Unsere Reise fuehrt via der historischen Stadt Diyarbakir, der Aussichtsterrasse nach Syrien - Mardin - und der Pilgerstaette Sanliurfa nach Kayseri. Fuer Aldos runden Geburtstag gebuehrt ihm (und Doris) das Logieren in einem etwas edleren Hotel, oder? Drei Versuche schlagen ein- deutig fehl und zu guter Letzt finden wir uns einmal mehr in der billigsten Absteige der Stadt, die gar nicht so uebel ist und unseren Beduerfnissen voll und ganz gerecht wird. Zur Feier des Tages wird geschlemmt. Erst Pastirma - ein gesalzenes, sonnengetrocknetes Stueck Kalbfleisch um- huellt von Knoblauch, Chilli und Peterli - vom Markt und zum Abendessen dann ein 5-gaengiges Menue im edelsten der edlen Restaurants der Stadt. Auf dem Rueckweg muessen wir ueber die Feststellung, dass wir fuers Essen soeben den 12fachen Betrag unseres Zimmerpreises ausge- geben haben, schmunzeln. Richtig investiert, meinen wir ;-) Unsere knappe Woche in den maerchenhaften Landschaften von Kapadokien verfliegt im Nu. Vieles gibt es zu erkunden, zu besuchen und die karge Landschaft laedt bei Sonnenschein zu stundenlangen Wanderungen ein. Die spektakulaer geformten Tufffelsen, entstanden aus vulkan- ischen Ablagerungen und Wind und Wetter tuermen sich ueber mehrere Taeler hinweg in himm- lische Hoehen. Einige der sogenannten Feenschornsteine dienen noch heute - meist jedoch fuer Gasthaeuser - als Wohnraum und wurden in fleissiger Handarbeit ausgehoelt. Wir koennten dir tausendundeine kleine Gesichte oder Information ueber diese spektakulaere Gegend erzaehlen, doch wir sind einer Meinung: Geh' irgendwann mal selbst hin, aber nimm' dich vor den Abzockern in Acht! In Aksaray erleben wir Wahlkampf auf tuerkisch. Schon seit einigen Tagen fallen uns die farbi- gen, dreieckigen Fahnen auf, die zu tausenden kreuz und quer ueber den Strassen aufgehaengt wurden. Und heute, wird der plakative Wahlkampf lautstark von hunderten von Autos, die mit johlender und fahnenschwingender Besatzung und dauertutendem Horn durch die Strassen rauschen. Jede Partei hat ihre Anhaenger...gekauft?! Auf drei Autos der AKP folgen zwei Autos der DYP, MHP oder DSP und dann wieder einige der AKP kurven den ganzen Sonntag lang durchs Staedtchen und machen mobil. Montags herrscht wieder Ruhe und die Faehnlich spre- chen fuer sich. In Konya wie auch spaeter in Bursa streifen wir durch zwei moderne Staedte mit nicht zu viel und nicht zu wenig Einwohnern. Je 1 bis 2 Millionen Seelen zaehlen die beiden historischen Prunk- stuecke. So sind die Staedte stolz auf ihren Platz in der tuerkischen Geschichte und zeigen was sie haben. Schoene Moscheen oder eine gepflegte Parkanlage rund um Mausoleen und die viel- besuchte Pilgerstaette vom verstorbenen Poeten Rumi. In Bursa geraten wir dann dank der netten Laeden und Einkaufszentren schon fast ins Einkaufsfieber. Mehr und mehr fuehlen wir uns in Trekkinghosen und dem altvaeterisch geschnitten iranischen Mantel unwohl, fallen zu sehr auf... irgendwie. Fuer Aldo gibt's schicke Manchesterjeans und T-Shirts, fuer Doris neue Schuhe :-) Und weil die Hauptstadt am Weg liegt, stoppen wir in Ankara kurz und besuchen das Mausoleum von Mustafa Kemal Atatuerk und dessen 1A-Museum. Die turbulente Geschichte der Tuerkei wird spannend und gut erzaehlt, doch einmal mehr taucht bei uns die auch vom Museum unbeant- wortete Frage auf, weshalb denn Kemal Atatuerk gestorben ist. Erst einige Tage spaeter erhalten wir von einem Einheimischen die Antwort: An einer Leberzirrose. Doch kaum hat er dies ausge- sprochen, meint er, dass eine Leberzirrose ja nicht unbedingt von uebermaessigem Alkoholkon- sum herruehrt... Ja, klar doch ;-) Da Atatuerk von den Tuerken schon fast als Heiliger verehrt wird, ist kaum etwas ueber sein Alkoholismus und andere private, unangenehme Themen zu erfahren. Schon gar nicht im staatlichen Museum oder auf der offiziellen Website. Bevor wir uns auf in DIE Stadt der Tuerkei machen entscheiden wir uns fuer zwei Abstecher nord- waerts. Die beiden Juwelen im Norden von Zentralanatolien - Amasya und Safranbolu - sind jeden Kilometer des Umweges wert und wir geniessen neben Sonnenschein und Gewitterwolken die fantastischen Lagen der beiden Kleinstaedte. Mal im Tal, mal am Hang gelegen, verschieden und irgendwie doch nicht. Der den neumaroden ueberlebende traditionelle Baustil kommt beider- orts zur Geltung und verbindet die zwei Touristenmagnete. Die oft renovierten Holzhaeuser er- innern uns stark an die auch bei uns da und dort zu erspaehenden Riegelhaeuser - eine Wohltat fuers Auge, nachdem wir uns seit langem mit faden Betonbunkern abfinden mussten. Am 1. April 2004 ist es soweit. Seit dem 27. September 2001 setzen unseren Fuss das erste Mal wieder auf - jedenfalls geografisch gesehen - europaeischen Boden! Mit jedem Schritt wird uns bewusster, dass wir uns der Schweiz naehern. In der Stadt, die sich in Europa und Asien heimisch nennen darf, troedeln wir aus... Istanbul ist einerseits mit teuren Einkaufsstrassen sehr westlich orientiert, doch groesstenteils sind es noch immer die Bazaars und fliegenden Haendler, die das Stadtbild praegen. Selbstverstaendlich klappern wir saemtliche Moscheen und zu besuchenden Museen ab, ohne dabei den Lebensstil der typischen Istanbullus bei Seite zu lassen. Entlang der Istiklal Caddesi protzen Starbucks, Benetton neben x-beliebigen tuerkischen Markenhaeusern und edle Restaurants, um die Gunst der gehobenen istanbuler Klasse. Am Sonntag Nachmittag stuerzen wir uns ins Getummel bei Ortakoey und schlemmen wie fast alle anderen ebenfalls einen riesigen gebackenen Haerdoepfel, der mit verschiedensten Salaten und Saucen garniert ist... feiiin!