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Im Wind
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Im Wind Sitzt das Kopftuch auch schoen? 09.02. - 11.02.2004 / 20.11. - 22.11.1382 Fuer Doris beginnt das Einhalten der iranischen Spielregeln bereits vor der Grenze. Es gilt ein Kopftuch zu tragen und sich in weite, verschleiernde Kleider zu huellen... egal ob Iranerin oder Schweizerin, egal ob Muslimin oder nicht. Die strikten Kleidervorschriften gelten fuer jederfrau. Es gibt kein wenn und aber - Punkt. Sitzt das ungewohnte Stueck Stoff auch schoen? Macht es eine Gattung? Scheinbar schon, denn die freundlichen Beamten der pakistanischen Seite ziehen unsere Abfertigung vor und weil wir bei den Iranis einmal mehr ohne Gepaeckuntersuch durch- kommen, stehen wir im Nu im Iran. Und doch: endlich. Denn schon seit Wochen sind wir sehr gespannt auf den grossen Fremden, den Iran. Zusammen mit zwei Malaysiern duesen wir mit einem Pick-Up in die naechste Stadt und trauen unseren Augen nicht, als wir das Tacho ablesen: Mit 140 Sachen sind wir auf der neu geteerten Strasse unterwegs! Die beinahe senkrecht vom Flachland links und rechts empor steigenden Gebiergszuege rauschen nur so an uns vorbei. Wir koennen uns nicht erinnern, wann wir das letzte Mal so schnell unterwegs waren ohne dabei zu fliegen... Wie auch immer, es ist laaange her. Von Zahedan geht es anderntags weiter nach Kerman, wobei wir in Bam einen Zwischenhalt einlegen. Die Folgen des starken Erdbebens vom 25. Dezember 2003 sind noch ueberall sichtbar. Kleine, aus einfachen Mittel gebaute Haeuser sind meist total zusammengefallen. Nur groessere, mit Beton und Armierungseisen solid verstaerkte Gebaeude konnten den Erschuetterungen Stand halten. Es leben noch immer die meisten Bewohner in Zeltstaedten oder aus Planen und Schutt gezimmerten Behausungen. Wir erhalten dennoch den Eindruck einer ruhiger gewordenen Si- tuation, die durch geschaeftiges Treiben da und dort zu normalisieren scheint. Vom alten, unbe- wohnten Teil der Stadt, der Zitadelle Arg-e Bam, ist ausser Truemmern nichts mehr zu sehen. Zu unserem Erstaunen sind wir bei weitem nicht die einzigen Schaulustigen. Um die Zitadelle herum finden sich viele iranische Touristen aus Fern und Nah ein, welche sich ein eigenes Bild der Zerstoerung machen wollen - samt Handycams und Picknick-Korb. Waehrend wir von der Mauer aus die Altstadt begutachten, kommen wir mit einer Familie aus Kerman ins Gespraech. Erst werden wir gefilmt, dann zum Picknick eingeladen. Unmittelbar neben der ungewoehnlichen Staette ist der weisse Paykan der Familie parkiert und wir staunen nicht schlecht, als der Fami- lienvater zwei frisch gerupfte Huehner samt Kopf und Fuessen aus dem Kofferraum nimmt, diese in Stuecke schneidet und auf einem improvisierten Feuer grilliert. S'Koech braucht natuerlich seine Zeit, die wir mit Teetrinken und Kuerbiskernenessen verbringen. Nach monatelangem Milch- und Zuckertee trinken wir heute zum ersten Mal Chai nach persischer Sitte: Man tunke ein Zucker- moeckli kurz in den schwarzen Tee, nehme dieses dann in den Mund, um anschliessend den Tee aus der Glastasse zu schluerfen, der sich mit dem aufloesenden Zucker vermischt und bei der "richtigen" Suesse geschluckt wird. Mit etwas Uebung reicht ein Zuckerstueck fuer einige Schluecke Tee... Wobei der eine oder andere Irani es ganz suess mag und sich pro Schluck ein Stueck Zucker goennt. E suessi Sach, die - wie wir spaeter feststellen - fast suechtig macht, wenn man den Griff zur Zuckerdose nicht unter Kontrolle hat! Übrigens, der Paykan - persisch fuer Pfeil - ist DAS Vehikel im Iran schlechthin. Zu hundert- tausendenden rollt der Klassiker durch die Strassen. Das einst von der Hillman Motor Car Company entwickelte Modell wurde seit Produktionsbeginn 1967 kaum veraendert, wird von der mehrheitlich staatlichen Iran Khodro produziert und fuer etwa 7'000 Dollar verkauft. Dank den unzaehligen Bussen - meist neue, bequeme Mercedes-Modelle, welche in Lizenz ebenfalls von Iran Khodro produziert werden - schaffen wir es noch am selben Abend nach Kerman. Weshalb die Eile? In Bam gibt es offiziell keine geoeffnete Hotels mehr und freie Betten werden von den Mitarbeitern iranischer und auslaendischer Hilfsorganisationen ge- braucht. Obwohl es bei unserer Ankunft in Kerman bereits dunkel ist, die Strassenbezeich- nungen nur in der persischen Schrift ist und kaum jemand auf den Strassen anzutreffen ist, finden wir unseren Weg ins Zentrum. Der Ort wird belebter und mal wieder um eine Ecke gebogen, wird Doris von einer jungen Frau angesprochen. Ob wir etwas suchen, fragt sie uns. "Ein preiswertes Hotel, aber das werden wir schon finden... Vielen Dank". Die Unterhaltung ist damit jedoch nicht beendet. Die junge Frau laesst uns nicht einfach ziehen und letzten- endes sind wir mit Zahra und ihren Geschwistern zu acht in einem - was wohl?!? - weissen Paykan zum Elternhaus unterwegs. So uebernachten wir im Wohnzimmer von Zahras Familie. Aber erst nachdem wir spaet Abends noch fuerstlich verpflegt wurden und tausendundeine Frage beantwortet haben. Insbesondere der vorwitzige Ali und der ruhigere Muhammed - Zahras juengere Brueder - sind sehr wissbegierig und koennten uns wohl noch bis in die fruehen Morgenstunden hinein Loecher in den Bauch fragen. Bereits frueh wach, liegen wir noch etwas und fragen uns wie es kommt, dass wir die vielen Einladungen bei jemandem zu Hause zu uebernachten in Pakisten nie angenommen haben, aber im Iran bereits die zweite Nacht privat verbringen? Sind die Iranis vertrauenswuerdiger? Wir koennen es uns nicht erklaeren. Den Tag verbringen wir mit einem Stadtbummel und schlendern begleitet von Zahra und Ali durch den gedeckten Markt, die weiten Strassen und sorgfaeltig gepflegten Parks der Stadt. Beilaeufig erzaehlt sie uns, dass auf dem Kreisel, wo wir gerade stehen, vor zwei Jahren eine Person oeffentlich gehaengt wurde und sie mit ihrer Mutter zuschaute. Die zwei wirken offen, interessiert und gebildet auf uns. Und dennoch, irgendwie spueren wir die konservative Ader. Zahra zum Beispiel traegt legere Hosen, einen langen hellen Mantel und ein knappes, buntes Kopftuch - eine eher progressive Art sich zu kleiden - und ist dennoch ueberzeugt, dass sie ohne Kopftuch nicht geschuetzt waere und die Regierung eigentlich ganz gut ist. Wir wundern uns, ob diese in unseren Augen zwiespaeltige Haltung von den Eltern auferlegt wird. Die Gespraeche mit den beiden lassen uns spueren, dass der Iran nicht einfach zu erklaeren oder verstehen ist. |