Das ist unser persönlicher Reisebericht über das Baltikum sowie unsere Eindrücke, die wir erlebt haben. Mit Betonung auf "unsere", denn jeder erlebt seine Reisen oder gar seine Heimat anders.

Drei Wochen Baltikum sind eine zu kurze Zeit, um nicht nur einen allgemeinen Eindruck des Landes, der Landschaft und auch der Menschen zu erhalten.

Interessante Fakten und Zahlen einer Region oder eines Ortes sind in grün geschrieben. Die speziellen Umlaute der Ortsnamen haben wir einfachheitshalber weggelassen.

Einleitung

Wieso gerade das Baltikum bereisen? Welche Region ist in der "Nähe" der Schweiz und kennen wir überhaupt nicht? Die Antwort auf diese Frage, nach einem Blick auf die Karte, war: Baltikum.
So haben wir begonnen, uns über diese Region im Nordosten Europas zu informieren.

Reisevorbereitung

Es ist kein Problem, die drei Länder Littauen, Lettland und Estland zu besuchen. Sie sind für Westeuropäer visafrei und es wird nur ein gültiger Reisepass verlangt. Kreditkarten, EC-Karten und Travelers Cheques werden in jeder Bank akzeptiert, nicht aber in "Billig-Unterkünften".
Als Reiseführer diente uns derjenige von Dumont, da er die neueste Auflage hatte. Siehe auch unsere Bemerkungen am Schluss.
Wir entscheiden uns, mit dem Zug anzureisen. Die Reiseroute führt über Belarus (Weissrussland). Für dessen Durchreise wird ein Transitvisum benötigt und für dieses wiederum ein gültiges Zugbillett. Wir drucken unsere Reiseroute dank dem internationalen Fahrplan der Deutschen Bahn aus und gehen damit auf das SBB Reisebüro. Nach zwei Stunden haben wir alle 15 Tickets, die wir für die Reise von Zug nach Vilnius und zurück benötigen.
Gepäck- und Herzstück unserer Ausrüstung ist je ein Rucksack von knapp 20 kg, indem wir Zelt, Schlafsäcke, Mätteli, Kocher, Kleider und etwas Food verstauen. Denn u.a. wollen wir unsere Ausrüstung auf Schwachstellen testen, um damit länger verreisen zu können.

Die Anreise 8.7.2000 - 10.7.2000

Am 8. Juli 21:30 Uhr geht es los - 33 Stunden Zugfahrt stehen uns bevor. In Zürich steigen wir schon das erste Mal um:Mit dem "Wiener Walzer", einem Nachtzug geht es nach Wien. Bei der Konstruktion dieses Nachtzuges sind wahrscheinlich die Reisenden mit Gepäck vergessen worden. Trotzdem, wir schlafen einigermassen gut und in Wien geht es dann weiter über Tschechien nach Polen, Warszawa (Warschau). Reisepass, Tickets und Reservation sind immer wieder gefragt. Doch wir haben immer noch viel Zeit, um unseren Reiseführer genauer zu studieren.
In Warszawa Zachodnia haben wir etwa 3 Stunden Aufenthalt. Ein Zugbegleiter verkürzt uns diese Zeit, indem wir ihm zuschauen, wie er seine kleinen Geschäfte mit russischem Wodka macht: Leute steigen in den wartenden Zug ein und wenige Minuten später mit gefüllten und klimpernden Taschen wieder aus. Bevor sein Zug dann doch noch nach Minsk abfährt, schenkt er uns russisches Mineralwasser.Mineralwasser, kein Wodka.
Auch bei uns geht's wieder weiter. Mit dem Nachtzug über Belarus nach Littauen, bzw. Vilnius. Mit schlafen ist nicht sehr viel, denn um 2 Uhr morgens dürfen wir das erste mal unseren Pass zeigen und bis 4:30 Uhr noch weitere 3 Mal. Auch die weissrussische Zolldeklaration, die wir im Doppel ausfüllen müssen, wird mit kritischen Augen geprüft. Der Zugbegleiter ist so nett gewesen und hat uns geholfen, das auf russisch geschriebene Formular auszufüllen! Die russischen Zollbeamten sind sehr bestimmt, aber höflich.
Etwas Müde kommen wir endlich in Vilnius an - wir haben es geschafft!
Die Müdigkeit veschwindet im Nu und wir suchen das Tourist Office auf und fragen nach Wanderkarten oder ähnlichem.

Aukstaijos nacionalinis parkas - Aukstaitija Nationalpark 10.7.2000 - 13.7.2000

Am Tag unserer Ankunft in Vilnius reisen wir weiter (mit dem Zug... wie sonst) nach Ignalina. Von dort aus wandern wir nach Paluse, wo wir zum ersten Mal unser Zelt aufschlagen. Nach einer Pfanne Spaghetti mit Tomatensauce und einem schönen Sonnenuntergang am Lusiai See geht's ab in den Schlafsack. Natürlich machen wir erste Bekanntschaften mit den Fliegen und Mücken...
Wir wandern während drei Tagen durch den Aukstaitija Nationalpark. Die Landschaft mit ihren über 100 kleinen und grossen Seen, viel Wald und farbigen Wiesen gefällt uns sehr. Sogar unsere Badehosen kommen mal in den Genuss von Seewasser.
Wir haben Glück, dass wir die richtige Jahreszeit für reife Heidelbeeren erwischt haben. Diese sind schon bald unser Standarddessert, einfach ohne Vanilleglace und Schlagrahm.
Unsere Wanderroute führt von Paluse über Ginuciai, Linkmenys und Bendrove nach Saldutiskis. Auf den Campinggrounds treffen wir vereinzelt einheimische Leute, aber auf unseren Wanderungen sind Fliegen, Mücken und sonstige Kleinviecher unsere einzigen Begleiter.
Der Grund, warum wir nach Saldutiskis gehen, ist die Eisenbahn. Aber wie sich herausstellt, fährt der Zug nur freitags und sonntags. Im Dorfladen erfahren wir, dass es zum Glück täglich mehrere Busse nach Utena gibt.

Der Aukstaitija Nationalpark

Er ist der erste Nationalpark Littauens und wurde 1974 gegründet. In der Hoffnung, dass der Bau des Atomkraftwerks (Typ Tschernobyl) vermieden werden kann. Trotzdem sind in der Nähe von Ignalina zwei der vier geplanten Reaktoren gebaut worden.
Grössenteils ist die Fläche dieses 30000 ha grossen Parks Wald (69 %). Die vielen Seen nehmen 15 % der Fläche ein. Im Nationalpark bestehen etwa 100 Siedlungen mit insgesamt 2'000 Einwohnern.
Wie überall in den Nationalparks ist es auch hier verboten, frei zu campieren oder zu zelten. Es gibt jedoch eingezeichnete Campinggrounds.

Utena - Daugavpils - Riga 13.7.2000 - 15.7.2000

In Utena kaufen wir Lebensmittel ein und geniessen ein "littauisches" Kaffee (Kaffeepulver in die Tasse, Wasser aufgiessen und setzen lassen - geniessen).
Weiter geht es mit den Bus für das erste Mal nach Lettland, in den Südosten nach Daugavpils. An der Grenze zu Lettland warten wir 45 Minuten bis alle Pässe kontrolliert sind. Wir sind ziemlich erstaunt, denn alle drei baltischen Länder wollen zur EU und trotzdem werden die Grenzübergänge streng bewacht.
Daugavpils wirkt im ersten Moment grau und heruntergekommen. Am Busbahnhof stehen einige Leute mit Bier- oder Wodkaflaschen herum. Gemäss Reiseführer ist ein Viertel der hiesigen Bevölkerung arbeitslos. Trotzdem wechseln wir Lat und suchen das Tourist Office auf. Aber das Büro scheint umgezogen zu sein, denn unter der angegebenen Adresse finden wir ein anderes Geschäft. So spazieren wir ohne Karte durch die Stadt, doch kurze Zeit später pöbeln uns zwei "Alkis" penetrant an. Eine ältere Lettländerin hilft und zeigt uns den Weg zum Bahnhof. In dieser Stadt gefällt es uns überhaupt nicht. Wir entscheiden sofort nach Riga zu fahren, obwohl es schon später Nachmittag ist. Der Ticketschalter der Bahn ist übrigens im Keller des Bahnhofs und man wird durch Metallgitter bedient.
Nach der schönen Zugfahrt quer durch Lettland kommen wir am späten Abend in Riga an. Wir sind müde und suchen ein Hotel. Aber in der Innenstadt sind alle günstigen Zimmer ausgebucht und die anderen sind uns zu teuer. Mit dem Rucksack herumirrend fragen uns zwei Deutsche (die ersten ausländischen Touristen die wir antreffen), ob wir eine günstige Unterkunft suchen. Wir bejahen und sie zeigen uns ihr Hotel, wo wir dann auch endlich zu etwas Schlaf kommen.
Der nächste Tag gilt Riga. Als erstes kaufen wir das Heft "Riga In Your Pocket" und suchen das Tourist Office auf, welches erst seit einem Monat eröffnet ist. Dementsprechend finden wir auch keine weiteren hilfreichen Informationen, ausser die Adresse einer Buch- und Kartenhandlung. Dort finden wir, was wir suchen: Karten im Massstab 1:50'000 über Lettland und Estland - ideal zum Wandern!
Die innere Altstadt Rigas ist wunderschön und mit viel Liebe zum Detail renoviert. Ausserhalb davon sind die Gebäude meistens einsturzgefährdet oder am Zerfallen. Aber wie es aussieht, ist die Stadt drauf und dran sich herauszuputzen, wenn auch nur für die immer zahlreicheren Touristen.
Auch hier spazieren viele Leute schon früh morgens mit der Bierflasche (2 Liter-PET-Flaschen!) herum.

Riga

In der Hauptstadt von Lettland leben rund 800'000 Personen. Dies sind rund 35 % der Bevölkerung Lettlands.

Kurzeme 15.7.2000 - 18.7.2000

Uns zieht es wieder aufs Land, wo wir ungestört wandern und zelten können. Mit dem Zug fahren wir von Riga nach Spare. Dort wandern wir einigen Seen entlang Richtung Süden. Leider spielt das Wetter nicht mehr so mit - es regnet. Doch dies stört uns wenig, denn unser Zelt ist immer noch dicht und kochen können wir in der Apside. Interessanterweise verschwinden die lästigen Fliegen nicht einmal bei Regen! Kommen wir aber in ein Dorf, verschwinden die Fliegen und kaum sind wir wieder auf Feldwegen schwirren sie uns unablässig um den Kopf. Warum gibt es in der Dörfern (fast) keine Fliegen?
In Renda angekommen nehmen wir den nächsten Bus nach Kuldiga. Wir schauen uns die schönen alten Holzhäuser der Stadt wie auch die über 100 m breite Ventas rumba (Stromschnelle) an und fahren bald mit dem Bus zurück nach Riga. Entgegen dem Reiseführer stellen wir später fest, dass es diese alten Holzhäuser in vielen Dörfern und sogar Städten noch immer gibt.

Kurzeme - Westlichste Provinz Lettlands

Grosse Gebiete in der Kurzeme waren während der Sowjet-Zeit militärisches Sperrgebiet. Doch für einmal wirkte dies positiv auf die Natur und deren Entwicklung. Sie wurde einfach so belassen wie sie war. Die Landschaft ist hügelig, mit viel Wald und einigen Seen.
Kuldiga, die älteste Stadt in der Kuzeme, besteht aus einer Reihe von Holzhäusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Da Kuldiga im ehemaligen Sperrgebiet liegt, gibt es hier kaum Industrie. Auch Kuldiga setzt auf den Tourismus und ist fleissig am Renovieren. Die Brücke aus dem Jahre 1874 über den Fluss Venta ist mit 165 m eine der längsten Backsteinbrücken Europas.

Tallinn 18.7.2000 - 19.7.2000

Wir nehmen den Nachtbus von Riga nach Tallinn. Wie üblich ist die Passkontrolle um 2 Uhr morgens...
Gegen 5 Uhr erreichen wir Tallinn. Wir verschaffen uns mittels Stadtplan die Übersicht und besichtigen die noch menschenleere Altstadt. Die ganze Altstadt ist sehr schön renoviert und gefällt uns dementsprechend gut. Um 8 Uhr öffnet das erste Café, in das wir sogleich zum Frühstück gehen. Zum einen wegen des Kaffees und den Süssteiggebäcken und zum andern wegen des WC's. Nach unserem Kaffee und zwei, drei 'Stückli' müssen wir feststellen, dass das Café keine Toilette hat. Nun ja, eine öffentliche Toilette tut's auch. Kurz darauf öffnet das Tourist Office seine Türen. Wir informieren uns einmal mehr über günstige Übernachtungsgelegenheiten und werden fündig!
Gegen den späten Vormittag füllt sich die Stadt mit Touristen. Nun sind es die Touristen (aus dem hohen Norden?), welche bereits morgens Bier trinken und nicht mehr nur die Einheimischen.

Tallinn

Von den 1.4 Mio. Einwohner Estlands leben über 400'000 in der Hauptstadt Tallinn.

Vormsi 19.7.2000 - 21.7.2000

Obwohl die Eisenbahnlinie von Tallinn nach Haapsalu auf sämtlichen Karten eingezeichnet ist und wir auch im Internet darüber gelesen haben, scheint diese schon lange stillgelegt zu sein. Uns bleibt nichts anderes, als mit dem Bus nach Haapsalu zu fahren. Der Bahnhof wird momentan als Busbahnhof und Tourist Office benutzt. Die Schalter machen einen verstaubten Eindruck und sind längst geschlossen. Weiter geht es nach Rohuküla, um mit der Fähre nach Vormsi zu gelangen.
Wir wandern um die Insel und bestaunen die schönen Ferienhäuser der Est- und Finnländer. Wir treffen aber auch auf einige Ruinen, verlassene Häuser und verwilderte Wiesen.

Vormsi

Sie ist die viertgrösste Insel Estlands, ca. 93 km2, doch der höchste Punkt ist nur knapp 11 m über Meer. Heute leben rund 400 Einwohner, im Gegensatz zu 3'000 vor dem ersten Weltkrieg. Der Hauptort ist Hullo, wo auch ein Lebensmittelladen und die Post zu finden sind. Auf der Ringstrasse verkehrt zweimal täglich ein Bus.
Im Sommer gibt es täglich 3 Fähren - von Rohuküla nach Sviby und zurück. Im Winter kann man, ab einer Eisdicke von mehr als 30 cm, direkt mit dem Auto auf die Insel fahren.

Pärnu 21.7.2000 - 22.7.2000

Von Haapsalu fahren wir mit dem Bus nach Pärnu. Pärnu ist DER Ferienort Estlands. Den Sandstrand besuchen wir zwar, doch für uns "Südländer" ist das Wasser einfach zu kalt, um im Meer zu baden. So besichtigen wir das Touristen-Städtchen und geniessen selbst mal ein Bierchen... oder zwei.
Wir übernachten im Camping von Pärnu, welcher etwa 2 km ausserhalb des Zentrums direkt am Fluss liegt. Wie überall im Baltikum gilt auch hier: Was restauriert wurde, ist sehr schön, alles andere sieht (noch?) etwas runtergekommen aus.

Silauliai - Palanga - Klaipeda 23.7.2000 - 25.7.2000

Mit dem Nachtbus fahren wir nach Silauliai, so dass wir unsere Pässe um 22 Uhr an der estnisch-lettischen und um 2 Uhr morgens an der lettisch-littauischen Grenze zeigen müssen. Grund dafür ist unsere Fahrt längs durch Lettland. Der Bus würde bis nach Kaliningrad fahren und so sind auch einige Russen an "Bord", welche ihrem Image standhalten: Wodka trinken und etwas Brot essen - und dies während der ganzen Fahrt.
Gegen 3:30 Uhr erreichen wir in Silauliai, doch zu unserem Glück ist es um diese Jahreszeit bereits hell. Wir schauen die Industriestadt an. Auf einer Treppe kochen wir Kaffee, weil noch alles geschlossen ist. Schon bald geht es wieder los nach Kretinga, doch dieses Mal mit dem Zug. Kaum eingestiegen, wissen wir auch warum der Zug 3 Stunden für die 130 km braucht: Die alte "2-Gang-Diesellock" benötigt etwa 1 bis 2 Minuten, bis sie ihre Reisegeschwindigkeit erreicht hat.
Zu Beginn finden wir es amüsant, doch die Holzbänke werden mit der Zeit ziemlich unbequem und wir sind froh endlich anzukommen. Fast ohne Pause geht es weiter nach Palanga, unserem eigentlichen Tagesziel. Palanga ist einer DER Ferienort Littauens. Deswegen hat es wohl auch viele einheimische und einige ausländische Touristen. Wären wir doch nur etwas südlicher - denn auch hier ist uns das Wasser zu kalt, um am kilometerlangen Sandstrand im Meer zu baden. In Palanga übernachten wir ebenfalls auf dem Camping, weil es uns in der Nähe einer Stadt zu riskant ist frei zu zelten.
Klaipeda, 30 km südlich von Palanga, ist eine Hafenstadt. Ansonsten eine Stadt wie jede andere auch. Sie ist das Sprungbrett nach Smiltyne auf der Kurischen Nehrung.

Kurische Nehrung 26.7.2000 - 28.7.2000

Da das Tourist Office scheinbar gerade renoviert wird und somit geschlossen ist, nehmen wir ein Bus nach Juodkrante. So schön die Kurische Nehrung auch ist, so schade ist es, dass es keine Campinggrounds gibt. Die ganze Nehrung ist ein Nationalpark und somit herrscht Campingverbot. Im schönen Städtchen Juodkrante nehmen wir wohl oder übel ein Zimmer. Am nächsten Morgen geht es mit dem Bus nach Pervalka. Über Preila wandern wir bis nach Nida. Wir kraxeln eine Düne hoch - treffender wäre: Überdimensionaler Ameisenhaufen... Millionen von Ameisen. Die Ameisen sind auf unseren Wanderschuhen während wir laufen, als stünden wir. Wir sind froh, wieder den normalen Weg zu erreichen, trotz der tollen Aussicht, die wir auf der Düne haben.
Wie der Zufall so spielt... in Nida haben wir von unserem Zimmer aus eine Aussicht aufs Meer und zugleich auf das berühmteste Haus Nidas: Das Thomas Mann Haus.
Nida ist die touristischste Stadt, die wir bis jetzt im Baltikum gesehen haben. Somit gibt es die Touristen gleich scharenweise. Wir besteigen die bekannte Düne südlich von Nida.Diesmal ganz und gar ohne Ameisen - herrlich.
Gemäss unserem Nachschlagewerk "Klaipeda In Your Pocket" müsste es eine Schiffsverbindung nach Kaunas geben und so suchen wir den Ticketschalter. Die Adresse scheint es nicht zu geben und so geht's auf zum Tourist Office. Wir erfahren, dass das Schiff dieses Jahr nur noch zweimal die Woche fährt und die Tickets erst kurz vor Abfahrt zu lösen sind. Grund unseres Irrtums: Das in Riga gekaufte " Klaipeda In Your Pocket" ist von 1999. Leider können wir nicht bis Samstag warten und so fahren wir zurück nach Klaipeda. Von dort aus geht es weiter nach Jurbarkas.

Jurbarkas 28.7.2000 - 29.7.2000

Jurbarkas liegt auf halbem Weg nach Kaunas. Da die Region dichter besiedelt ist als sonst, müssen wir bei einem Hof "anfragen", ob wir bei in dessen Nähe zelten dürfen. Der Bauer versteht unsere Zeichensprache und zeigt uns sogleich einen perfekten Zeltplatz. Kaum fertig mit kochen, schaut er nochmals vorbei und lädt uns zu einem Kaffee ein. Über 4 Stunden diskutieren wir auf englisch, deutsch und mit Hilfe von viel Zeichnungspapier!
Für uns ist es sehr interessant, denn wir fragen uns schon seit Beginn unserer Tour wie Balten und Russen zusammenleben. Dainius' Aussage ist in etwa: Die Littauer trinken viel, aber die Russen sehr, sehr viel... Generell ist es auch so, dass im Westen des Landes weniger Russen leben als im Osten. Denken wir an unsere Erlebnisse zurück, sind uns die Städte im Osten auch eher "düster" in Erinnerung.
Dainius und Rima bewirten einen kleinen Hof von 20 ha und mit 5 Kühen. Er erzählt uns interessantes über die Geschichte Littauens und die leidige Zeit während der Sowjetherrschaft. Wir bekommen alte Litas, Rubel und Reichsmark zu Gesicht. Es ist ihm wichtig und er versichert sich immer wieder, dass bei uns in der Schule gelehrt wird, dass Littauen ein unabhängiges und freies Land ist. Dainius ist sehr erstaunt, dass in der Schweiz 4 Landessprachen gesprochen werden und sich längst nicht alle SchweizerInnen problemlos untereinander verständigen können.
Als wir zurück zum Zelt wollen, müssen wir der Familie versichern, dass wir zum Frühstück kommen. Dies tun wir natürlich mit Freude! Es gibt feinste Pancakes mit eingemachten Kirschen und Brot, Käse, Gurken, Salami, Kaffee... Bevor wir zurück in die Stadt gehen, zeigt er uns ein Denkmal, das an die deportierten und nie zurückgekehrten Littauer aus Jurbarkas erinnert. Auch seine Eltern sind damals deportiert worden, doch sie durften nach 10 Jahren wieder in ihre Heimat zurückkehren.
Weil wir kein Geschenk als Dank für die Gastfreundschaft dabei haben, versprechen wir ein grosses Paket aus der Schweiz zu senden (...Guetsli, Schoggi, ein Bildband über die Schweiz, ein Sackmesser und Bier aus der Innerschweiz).
Wir sind noch immer überwältigt von der grossen Gastfreundschaft und denken, dass wir wohl den besten Hof gewählt haben.

Kaunas - Vilnius 29.7.2000 - 30.7.2000

In Kaunas - der grössten Industriestadt Littauens - geht's unverzüglich aufs Tourist Office. Wir werden gleich nochmals überrascht: Das Reisebüro befindet sich an der angegebenen Adresse und so viel Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft haben wir in den letzten 3 Wochen kaum angetroffen! Greta organisiert uns im Zentrum der Stadt ein Hotelzimmer zum halben Preis! Die Pechsträhne, wie wir sie auf der Kurischen Nehrung erlebt haben - scheint verflogen zu sein. Doch die Realität holt uns schnell wieder auf den Boden zurück: Obwohl das Hotel Kreditkarten akzeptiert, will die "nette" Receptionistin unsere Master Card nicht akzeptieren, ausser wir bezahlen den vollen Preis. Jetzt wird uns klar, warum das Zimmer so günstig ist: Es wird nirgends offiziell abgerechnet.
Kaunas ist sehr schön - die Altstadt als auch die Lage zwischen den Flüssen Nemunas und Neris. Wir flanieren die erste Nicht-Raucher-Fussgänger-Zone auf und ab, die wir je gesehen haben. Am Abend wird trotzdem versteckt geraucht, obwohl Erwischten eine Busse von etwa 100.- Franken blüht.
Am Sonntag geht es frühmorgens nach Vilnius, so dass uns genug Zeit bleibt Trakai und Vilnius besichtigen können.
Die Wasserburg von Trakai ist das Wahrzeichen Littauens. Und sie ist auch wegen der wunderschönen Landschaft sehenswert: Viele glasklare Seen umgeben von Wald.

Kaunas - Vilnius 29.7.2000 - 30.7.2000

Pünktlich um 20:30 Uhr fährt der Zug Richtung Warschau. Das ganze Spiel mit den mitternächtlichen Passkontrollen beginnt von Neuem - nur rückwärts. In Belarus ist uns schon bei der Hinfahrt aufgefallen, dass Leute draussen am Zug herumhämmern, während Zug in der Dunkelheit steht. Dieses Mal beobachten wir die Szenerie und schauen aus dem Fenster und bemerken, dass der ganze Zug um etwa 1 m angehoben wird - ohne auch nur ein kleinstes Rütteln des Zuges! Danach beginnt das Hämmern... die Spurbreite wird verstellt! Jetzt wissen wir, warum wir hier über eine Stunde warten.
Die Heimreise verläuft perfekt, bis Frankfurt. Der ICE verspätet sich, so dass wir alle Anschlussverbindungen verpassen. Wir entscheiden unsere Route ein wenig zu ändern: Mit dem nächsten ICE geht's direkt nach Zürich und dann nach Zug, anstatt von Basel über Luzern nach Zug.
Dank einer Bestätigung der Verspätung, bezahlen wir keinen Zuschlag oder eine Platzreservation. Die baltischen Züge fahren vielleicht nicht so häufig, aber sie sind pünktlicher als die Deutsche Bahn und die SBB zusammen. Dies trifft übrigens auch auf die Busse zu!

Bemerkungen

Reisen im Baltikum ist angenehm und ist mindestens so sicher wie in Westeuropa. Ausnahmen bilden höchstens die betrunkenen Leute, die wie überall auf der Welt um Geld betteln. Es ist schade und für uns auch überraschend, dass sehr viele Einwohner dem Alkohol verfallen sind. Wer das Balikum vor 10 Jahren kannte, wird wahrscheinlich vieles nicht mehr erkennen.
Die Natur ist sehr schön. Für unsere Verhältnisse ist die Landschaft zwar etwas gar flach, aber somit auch leichter zu Fuss zu begehen. Es gibt noch sehr viele, von der Landwirtschaft verschonte, Landflächen. Die Wolkengebilde sind gewaltig, denn die Wolkenbilder werden nicht durch Berge verdeckt oder beeinflusst.
Für Veloferien ist das Baltikum perfekt geeignet, vorausgesetzt man ist wetterfest und im Reifenwechsel geübt.
Fast jedes Dorf hat eine Bushaltestelle, wo mindestens einmal pro Tag ein Bus vorbeikommt. Im Normalfall sogar dreimal täglich. Hingegen sind die Zugverbindungen auf dem Lande eher minim.
Die Angestellten des Öffentlichen Verkehrs bemühen sich absolut nicht, ein Ticket zu verkaufen oder Auskunft zu erteilen.
Deutsch wird sehr selten gesprochen und Englisch noch viel seltener, dagegen ist Russisch immer noch präsent.

Unser Reiseführer von Dumont ist schön zum Lesen, taugt aber nur, wenn man mit dem eigenen Fahrzeug unterwegs ist. Es fehlen detaillierte Karten, bzw. wenn sie vorhanden sind, dann sind die Strassennamen nur selten angegeben. Günstige Übernachtungsgelegenheiten sind nicht aufgeführt und Camingplätze sind erwähnt, aber der Weg dorthin nicht immer genau genug beschrieben. Wir wählten diesen Verlag, weil wir mit ihm auch schon mal gut gereist sind und er das neueste Ausgabejahr verzeichnen konnte. Denn diese Länder sind im Umbruch und viele Adressen ändern schnell, wie wir es im Falle der Tourist Offices erlebt haben.
Sehr nützlich waren die Hefte von In Your Pocket. Diese kann man fast bei jedem Kiosk oder Tourist Office kaufen. Sie sind jeweils nur über eine Stadt und deren Umgebung. Die enthaltenen Informationen sind aktuell und äusserst brauchbar: Viele Übernachtungsgelegenheiten, die wichtigsten Sehenswürdigkeiten, Konsulate, genaue Stadtkarten mit Strassenverzeichnis usw.
Die Hefte gibt es von fast jeder grossen Stadt im Osten Europas.

Einige Addressen:

ADFC ist ein guter Bericht über das Baltikum mit vielen nützlichen Links!

Infos über die In Your Pocket City Guides

Lithuania Tourism Info

Eine gute Seite über Estland. Enthält eine Karte, geht kurz auf Sehenswürdigkeiten und die Geschichte Estlands ein. Auch viele Reiseinfos und Links sind vorhanden.

Estonian Tourist Board

Fakten und Zahlen sind bei Estonian Institute zu finden.

Bei Problemen mit der Sprache kann vielleicht die Seite von travlang helfen.